Meinung : Afghanistan: Hauptsache effektiv

Aus der Reihe "Positionen"

Die Entwicklungen in Afghanistan haben wieder einmal die Erwartungen überholt. Die Tage der Taliban scheinen gezählt zu sein. Damit sind die Probleme der Afghanen aber alles andere als gelöst. 23 Jahre Kampf hinterließen ein Land in Ruinen, in dem kaum noch eine Verwaltung existiert und unter sich zerstrittene Gruppen darauf lauern, die Macht von den Taliban zu übernehmen.

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Um die Dauerhaftigkeit einer politischen Übereinkunft in Afghanistan zu garantieren, können wir uns bei der Suche nach Lösungen nicht nur auf demokratische Prinzipien verlassen. Wir müssen auch die bestehende politische Machtbalance berücksichtigen und gemäß jahrhundertealten afghanischen Traditionen handeln. Nur die Loya Jirga - eine Zusammenkunft der Ältesten, die alle Gruppen im Land repräsentieren - kann einer Übereinkunft Legitimität verschaffen. Ohne die ausdrückliche Akzeptanz durch diese Institution könnten alle Entscheidungen später angefochten werden.

Wenn die Einheit des Landes bedroht ist, kann eine außerordentliche Sitzung der Loya Jirga Lösungen finden. Die Mitglieder werden auf traditionellem Wege ausgewählt, und die bestehende Machtbalance zwischen den Kriegsherren muss sich in der Versammlung widerspiegeln. Weil man aber verhindern muss, dass einzelne Mitglieder die Leitung an sich reißen, kann dieses Treffen nur ein einmaliges, außergewöhnliches Ereignis sein. Eine reguläre Loya Jirga als permanente Repräsentation des afghanischen Volkes kann Verantwortung nur nach fairen Wahlen übernehmen.

Die spezielle Aufgabe der außerordentlichen Loya Jirga ist es, eine offizielle Einladung an einen Afghanen zu formulieren, der von allen Parteien respektiert wird, die zersplitterten Volksgruppen einen und die Wunden heilen kann. Mit einem besonderen Mandat der Loya Jirga ausgestattet, kann er ein Übergangsteam von Fachleuten einberufen, eventuell unterstützt von internationalen Experten, um den Wiederaufbau des Landes zu beginnen, Pressefreiheit zu garantieren und eine nationale Volkszählung zu organisieren. Nur nach einer längeren Übergangszeit und sorgfältiger Vorbereitung können faire Wahlen abgehalten werden, nach denen eine legitimierte Regierung mit dem Aufbau des Landes fortfahren kann.

In der Zwischenzeit sollten die vorhandenen Kriegsherren Positionen bekleiden, in denen sie keinen Schaden anrichten können. Sie werden nicht so leicht von ihren Ambitionen ablassen, auch dann nicht, wenn es eine Interimsregierung geben wird. Sie könnten die Funktionen von hochrangigen Beamten ausfüllen, von Gouverneuren. Dann könnten sie weiterhin eine Rolle spielen und hätten gleichzeitig einen Rahmen, um ihre Truppen zu entwaffnen und sie in die zukünftige Polizei oder Armee einzugliedern.

Die afghanische Bevölkerung kann jedoch nicht darauf warten, bis die Entscheidung gefallen ist, wie es politisch weitergeht. 23 Jahre Krieg haben einen hohen Preis verlangt. Die Taliban sind zwar von der Bildfläche verschwunden, aber nichts deutet darauf hin, dass die Nordallianz in nächster Zeit in der Lage sein wird, das Land mit Lebensmitteln zu versorgen. In diesem Fall ist es aber weder praktikabel noch vernünftig, dass diese Rolle den internationalen Hilfsorganisationen übertragen wird - so sehr es sie danach drängt, ihre guten Absichten in die Tat umzusetzen.

Lokale afghanische Organisationen auf der anderen Seite haben keine Lust, nur als Unterabteilung der zukünftigen afghanischen Regierung oder internationaler Hilfsorganisationen zu handeln. Sie wurden viele Jahre lang von internationalen Nichtregierungsorganisationen unterstützt, sind im Land anerkannt und arbeiten effizient.

Deshalb wäre es sinnvoller, afghanische Organisationen zur Entwicklung regionaler und nationaler Aufbaupläne heranzuziehen. Internationale Organisationen können helfen, aber umgesetzt werden sollten die Pläne durch lokale Einrichtungen. Bis die neue afghanische Verwaltung in der Lage sein wird, ihrer Bevölkerung alle notwendigen Leistungen zu bieten, könnten neu angekommene internationale Organisationen helfen, diese Lücke zu füllen.

Das alles stimmt vielleicht nicht mit westlichen Konzepten von Demokratie überein. Aber es baut auf den herrschenden politischen Gleichgewichten auf und gibt eine bessere Garantie dafür, dass die akuten Bedürfnisse der leidenden afghanischen Bevölkerung befriedigt werden.

Die Autoren leiten jeweils eine afghanische Hilfsorganisation, die beide von dem internationalen Hilfswerk Novib/Oxfam unterstützt werden.

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