Afghanistan : Hinterm Bush

Soll ein 23-jähriger Bundeswehrsoldat notfalls ins Feuer geschickt werden, um einem 14-jährigen afghanischen Mädchen den Zugang zu Schule und Bildung zu öffnen? Worum es beim Einsatz in Afghanistan geht und was dabei beachtet werden muss.

Stephan-Andreas Casdorff

Wie richtig es war von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, einen eigenen Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan zu benennen, zeigt sich gerade. Mag die Kanzlerin das auch politisch-taktisch nicht mögen, weil es so aussehen könnte, als regiere da einer an ihr vorbei – die Lage in der Region erfordert es. Denn es wirkt, als gerate sie strategisch außer Kontrolle. Wo doch die Taliban, die Schreckensherrscher, wieder so erstarkt sind, dass sie der Regierung in Kabul drohen und den Nachbarn Pakistan so unter Druck setzen können, dass in einer Urlaubsregion, einem Rückzugsort für Frauen, die Scharia eingeführt werden soll. Das übersteigt alle bisherigen Vorstellungen vom Fortgang der Mission.

Ja, was ist eigentlich die Mission? Aus Gründen der Bündnistreue haben die Deutschen den Kampf gegen den Terror in Afghanistan zu ihrem gemacht. Das Argument dafür war, dass Al Qaida dort ihre Basis hat, dass sich Osama bin Laden in der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan versteckt hält. So wie die Grenzen verwischen, verwischen sie bei diesem Auftrag. Soll ein 23-jähriger Bundeswehrsoldat notfalls ins Feuer geschickt werden, um einem 14-jährigen afghanischen Mädchen den Zugang zu Schule und Bildung zu öffnen? Das ist krass gesagt, und doch geht es inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung auch darum: dass es keinen Weg zurück zu religiösem Rassismus geben darf, zu Inhumanität, zu Ausgrenzung und Entrechtung der Hälfte der Bevölkerung.

Wie halten wir es mit den Saudis oder mit dem Iran?

Die Taliban zu entmachten, wie der Auftrag lautet, bedeutete immer auch, den Rückfall ins Mittelalter zu beenden. Ihren Vormarsch zu stoppen, bedeutete stets zugleich, moralischem Relativismus Einhalt zu gebieten. Dieser Maßstab macht die Lage noch komplizierter. Wenn seine Erfüllung ein Ziel ist, wie halten es die Deutschen dann, zum Beispiel, mit den Saudis: Geschäfte machen, obwohl bei ihnen auch die Scharia gilt? Oder mit dem Iran, wo Frauen wegen Ehebruchs – und sei es durch Vergewaltigung – gesteinigt werden können? Wer da zum Rigoristen wird, der landet schnell bei den amerikanischen Neokonservativen und ihrer Begründung für (vorbeugende) Interventionen im Namen der Freiheit, der Demokratie, der Menschenrechte. Der Westen wird jetzt in eine Debatte zur Selbstvergewisserung gezwungen, der er mit Blick auf den früheren US-Präsidenten George W. Bush und dessen Fehler lange scheinheilig ausgewichen ist. Und der neue Präsident, Barack Obama, wird den Partnern im Bündnis die Entscheidung über ihre Maßstäbe abverlangen.

Bedenke das Ende

So ist die Lage: Der Waffenstillstand mit den Taliban ist ein Witz. Die Mikrokosmen von Tal zu Tal bis nach Pakistan hinein sind unterschiedlich, sie sind es politisch, militärisch, gesellschaftlich. Stammesfürsten in den Regionen bestimmen, aber halten sie auch, was sie versprechen, ohne Geld dafür zu bekommen? Die Briten haben Afghanistan nicht beherrschen können, die Sowjets mit 500.000 Soldaten über die Jahre auch nicht – was sollen da 600 zusätzliche deutsche Soldaten bewirken? 60.000 reichten nicht, 600.000 wahrscheinlich ebenso wenig, weil das Land, zerklüftet, mit Bergungetümen, nicht einfach einzunehmen ist. Wer das wollte, der müsste mehr, anderes und alles das länger wollen. Oder es müssen eben doch Deals gemacht werden: mit Stammesfürsten in der Grenzregion zu Pakistan, in das die Soldaten nicht vorrücken dürfen; mit Drogenbossen; und auch mit den Taliban muss man reden. Kannst du sie nicht besiegen … musst du sie einfangen, einnetzen. Zumal wegen der neuen Regierung in Pakistan, und wegen der Regierung in Afghanistan, die die Unterstützung des Westens hat. Sie bedroht Konvertiten übrigens auch mit dem Tod.

Bedenke das Ende – das ist der Beginn jeden Nachdenkens über eine Strategie. Die Partner, die in der Region sind, dürfen nicht nur eine Koalition der Willigen sein, sondern müssen sich zu einer der Fähigen koordinieren. Rasch, effizient, pragmatisch auch, aber in der Anwendung gemeinsamer Werte. Wer denkt, dieser Teil Asiens sei weit weg, der vergisst, wie nah der Terror kommen kann.

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