Meinung : Afghanistan: Hoffnungen für Hoffnungslose

Christoph von Marschall

Die Lage muss schon sehr verzweifelt sein, wenn sich die Hoffnungen auf einen 86-jährigen gestürzten Monarchen im Exil richten - zudem auf einen Mann, der zum Auslöser der schlimmsten Jahrzehnte in der Geschichte seines Volkes wurde. Sahir Schah, der letzte König Afghanistans, wurde 1973 abgesetzt - das Ergebnis eines Komplotts seines Vetters mit Rädelsführern verschiedener Stämme. Daraufhin wurden die Sowjets ins Land gerufen; seither tobt der Bürgerkrieg in Afghanistan: einem Land, das, von hohen Gebirgszügen zerteilt, keine natürliche geographische Einheit bildet und ebensowenig eine ethnische oder politische. Und nun soll dieser Greis, der seine Heimat nach 28 Jahren im Ausland nicht wiedererkennen würde, dieses Land einen und zur Demokratie führen?

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Bei den Gesprächen gestern in Rom ging es wohl weniger um Lösungen für Afghanistan. Die hat auf absehbare Zeit niemand. Es geht um Gedankenspiele, wie sich - vielleicht - eine etwas weniger böse Lage herbeiführen ließe. Schlimmer, als jetzt unter dem fundamentalistischen Taliban-Regime, kann es kaum kommen. Es bietet dem internationalen Terrorismus Zuflucht. Es kann nicht für die elementarsten Bedürfnisse der Bürger sorgen; ohne humanitäre Hilfe von außen könnten die Menschen schon lange nicht mehr überleben. Es verbreitet Angst und Schrecken mit seiner Willkürherrschaft. Die Helfer laufen Gefahr, zu Geiseln genommen zu werden, siehe den Prozess gegen die Shelter-now-Mitarbeiter wegen vorgeblicher christlicher Missionierung. Sie sind Faustpfand gegen den drohenden Militärschlag der Amerikaner. Menschenrechte zählen nichts, Weltkulturerbe ebenso wenig.

Niemand müsste den Taliban also eine Träne nachweinen, wenn ihre Diktatur im Zuge des Kampfes gegen den Terrorismus fiele. Das diente sogar dem Völkerrecht. Für die Vereinten Nationen und fast alle Staaten dieser Erde ist die Nordallianz die rechtmäßige Regierung. Und doch können die USA und ihre Verbündeten sich nicht durchringen, den Sturz der Taliban zum Kriegsziel zu machen - obwohl diese gestern offiziell zugegeben haben, dass der mutmaßliche Drahtzieher des Angriffs auf Amerika, Osama bin Laden, sich unter ihrem Schutz in Afghanistan aufhält.

Hier offenbart sich, wie die egoistischen Interessen einzelner Partner der weltweiten Allianz gegen Terror die Effektivität dieses Kampfes behindern. Die Taliban sind die Schützlinge Pakistans. Ohne Pakistan können die USA schwer in der Region operieren. Also dürfen sie den Sturz der Taliban nicht offen betreiben. Es wäre ohnehin keine Lösung, einseitig auf die Nordallianz zu setzen, von der man nicht einmal weiß, ob sie die Taliban militärisch niederringen kann. Ihre Führer stammen zum Großteil nicht aus den Stämmen, die die Mehrheit des afghanischen Staatsvolks bilden. An ihnen klebt der Ruf, sich zu sehr Moskaus Interessen in der Region zu beugen.

Deshalb wird eine Integrationsfigur benötigt - jemand, auf den möglichst viele zu hören bereit sind, weil er nicht von vornherein mit einem bestimmten Interesse identifiziert wird. Der König ist Paschtune (die größte Volksgruppe) und er hätte die Autorität, einen großen Rat einzuberufen. Mehr freilich nicht.

Afghanistan zur Demokratie führen? Das ist ein Langzeitprojekt für mehrere Jahrzehnte. Als ersten Schritt muss man die Taliban beseitigen. Das wird nicht ohne militärische Aktionen gehen. Ja, es ist richtig: Man kann die Demokratie nicht herbeibomben, man kann die Einheit eines zerrissenen Landes nicht herbeibomben, ebensowenig wie man Freiheit und Menschenrechte herbeischießen kann. Doch man kann mit militärischer Gewalt eine Lage herstellen, in der die Chancen etwas besser sind, dass das afghanische Volk eines Tages unter menschenwürdigen Bedingungen leben kann - besser jedenfalls, als heute unter den Taliban.

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