Meinung : Afghanistan: Konferenz der Abwesenden

Elke Windisch

Schon jetzt kann sich die internationale Gemeinschaft das Bundesverdienstkreuz an die Brust heften: Erstmals in der jüngeren Geschichte Afghanistans setzten sich Vertreter aller relevanten ethnischen und religiösen Gruppen an den Konferenztisch, um nach einer friedlichen Lösung ihrer in Jahrhunderten angehäuften Probleme zu suchen. Komponisten würden den Protagonisten für den afghanischen Marsch in eine stabile Zukunft dennoch nur ein Allegro, ma non troppo in die Partitur schreiben. Zu mehr als vorsichtigem Optimismus reicht die vorläufige Willenserklärung der bisherigen Kombattanten nicht: Das Instrumentarium abendländischer Diplomatie und Mechanismen einer demokratischen Willensbildung greifen in Afghanistan nur bedingt.

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
Afghanistan: Wege jenseits der Bomben
Bundeswehr-Einsatz: Deutschland und der Krieg
Fotostrecke: Krieg in Afghanistan
Zweifel an der Lebensfähigkeit der Absprachen lässt allein schon der Rang der Unterhändler aufkommen. Afghanische Politik wird traditionell auf dem Schlachtfeld gemacht, über Sitz und Stimme in Parlament und Regierung entscheiden nicht Programme und Konzepte, sondern die Personalstärke der Milizen und die Anzahl ihrer Gewehrläufe. In Bonn aber verhandeln nicht die Warlords und nicht die Spitzenpolitiker der vier großen Interessengruppen, sondern lediglich die Granden der zweiten Reihe. Ihre Abmachungen haben wenig Gewicht in der streng hierarchisch strukturierten Stammesgesellschaft Afghanistans, was sich schon auf der Loya Dschirga zeigen dürfte, die die Bonner Ergebnisse bestätigen muss. Das die große Versammlung zustimmt stellten die eigentlichen Entscheidungsträger schon im Vorfeld in Frage. Der amtierende Präsident und Tadschiken-Vormann attestierte der Konferenz, weil sie außerhalb Afghanistans stattfindet, rein symbolische Bedeutung und sein ehemaliger Paschtunen-Premier Hekmatyar weigert sich ebenfalls, eine im Ausland nominierte Regierung anzuerkennen. Eine gesamtnationale Integrationsfigur aber ist nicht in Sicht, hinter Paschtunen-König Sahir Schah steht nicht mal dessen eigene Volksgruppe geschlossen.

Selbst wirtschaftlicher Druck, mit dem die USA Bananenrepubliken in ihrem Hinterhof auf den Pfad der Tugend zwangen, verpufft in Afghanistan. Obwohl es das viertärmste Land der Welt ist. Die Clanchefs sind in der Schattenwirtschaft engagiert, die genug für jeden Luxus abwirft. Dass ihr Volk davon nichts hat, interessierte sie noch nie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben