Meinung : Afghanistan-Konferenz: Der Krieg dort und die Klarheit hier

Berlin bereitet sich auf die Uno-Konferenz für Afghanistan vor. Dazu gehört vor allem die geistige Klarheit. Darum zunächst ein Blick zurück. Preisfrage: Wie viele antiamerikanische Demonstrationen hat es in der arabischen Welt seit Beginn des Krieges gegeben? In der ersten Woche neun, in der zweiten Woche drei, in der dritten Woche eine, in der vierten Woche zwei, usw. Und wie oft wurde in westlichen Medien die Gefahr beschworen, dass der Kampf gegen den Terrorismus von weltweit mehr als einer Milliarde Moslems als Kreuzzug gegen den Islam verstanden wird? Täglich.

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Nächste Frage: Wie viele Bodentruppen mussten die Amerikaner einsetzen, um den größten Teil Afghanistans von den Taliban zu befreien? Etwa tausend Soldaten. Und wie oft hatte es geheißen, durch Luftschläge allein sei noch kein Gegner in die Knie gezwungen worden, ohne massive Landstreitmacht könnten islamistische Milizen nicht besiegt werden? Täglich.

Wir haben uns geirrt. Eine Reihe von Annahmen, die plausibel erschienen, wurden durch die Realität widerlegt. Wir haben uns auf die Gründe für das mögliche Misslingen der "Operation dauerhafte Freiheit" konzentriert und uns damit den Blick auf die Chancen verstellt. Die Bilder aus Kabul und anderen Städten, die die Taliban verlassen haben, legen außerdem die Vermutung nahe, dass wir den Freiheitswillen der Menschen unterschätzt haben. Wieder einmal. Und wie verheerend eine Bombenpause, wie sie so oft gefordert wurde, für Millionen von Menschen gewesen wäre, ist inzwischen auch klar. Sicherer, schneller und effektiver als jetzt hätte die dringend benötigte humanitäre Hilfe unter den Bedingungen der Taliban-Tyrannei nicht stattfinden können. Wir haben uns geirrt. Diese Einsicht sollte mit einem bescheidenen Vorsatz verbunden sein. In Zukunft könnte etwas mehr Vorsicht walten, etwas größere Neugier, etwas weniger Alarmismus.

Am Anfang herrschte übertriebener Pessimismus, nun breitet sich das Gefühl aus, die Schlacht sei bereits geschlagen. Von wegen! Aus militärischer Sicht besteht zum Aufatmen kein Anlass. Feindliche Stellungen zu bombardieren, ist relativ leicht. Weitaus schwieriger ist es, den Krieg in Kandahar zu gewinnen.

Noch komplizierter wird es sein, eine dauerhafte politische Neuordnung für Afghanistan zu organisieren. Dort, wo keine Taliban-Milizen mehr herrschen, haben sich längst die alten Stammesfürsten breit gemacht. Sie haben für Amerika am Boden gekämpft - und wollen entsprechend belohnt werden. Die Regierung von Pakistan hat den waghalsigsten diplomatischen Drahtseilakt riskiert - und will ebenfalls belohnt werden. Die UN-Konferenz in Berlin muss eine tragfähige Formel finden für alle diese widerstreitenden Interessen.

Es geht in Afghanistan nicht um die Einführung der Demokratie, sondern um die Herstellung halbwegs stabiler Strukturen. Ein Erfolg wäre es schon, wenn in Berlin den Vertretern der Nordallianz das Einverständnis zur vorübergehenden Stationierung einer multinationalen Streitmacht abgerungen werden könnte. Die Erwartungen an die Konferenz sollten jedenfalls nicht zu hoch geschraubt werden. Sie muss misslingen, wenn die Messlatte "garantierter Frieden" heißt. Sie kann gelingen, wenn die Uno es schafft, die Entwicklungen am Hindukusch aktiv zu beeinflussen. Die Berlin-Konferenz ist dazu ein erster Versuch. Das Hauptziel freilich bleibt ein anderes: Der international operierende Terrorismus soll entscheidend geschwächt werden. Die Zeit des Friedens also ist - leider - noch lange nicht gekommen.

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