Afghanistan : Mit Gulaschkanonen gegen die Taliban

Afghanistan braucht beides: einen robusten Militäreinsatz gegen die Taliban genauso wie den zivilen Wiederaufbau. Mit Gulaschkanonen und runden Tischen allein werden die Probleme zumindest nicht aus dem Weg zu schaffen sein. Die Debatte offenbart indes wieder einmal mehr über deutsche Befindlichkeiten als über die Wirklichkeit in Afghanistan.

Clemens Wergin

Berlin Nun sollen also „moderate, vernünftige“ Taliban eingebunden werden, wie Regierungssprecher Thomas Steg sagt. Dass man nur mal miteinander reden müsse, ist ja so etwas wie der Kamillentee der deutschen Krisenbewältigung. Ein Argument, das davon ausgeht, dass letztlich jeder Konflikt dieser Welt verhandelbar sei und weitgehend auf Missverständnissen beruhe. Ob es um Hamas geht, Hisbollah oder die Taliban: Das postmoderne Deutschland kann sich schwer vorstellen, dass es dort draußen ideologische Verhärtungen gibt, die einer Verhandlungsstrategie nicht zugänglich sind.

Tatsächlich ist aber ein Kompromiss mit den Taliban kaum möglich, weil deren Konzept eines mittelalterlichen Afghanistan schlicht nicht kompatibel ist mit unserem - und dem der meisten Afghanen, besonders der Frauen. Wenn man aus dem gegnerischen Lager Menschen abwerben möchte, dann nicht die Ideologen, sondern die Söldner, die von den Gotteskriegern mit viel Drogengeld gekauft werden. Bei denen wird gutes Zureden des Westens jedoch wenig helfen, da wird man schon ein wenig Geld in die Hand nehmen müssen, um sich die Loyalität solcher „Kriegsunternehmer“ zu sichern.

Stegs Einwurf ist symptomatisch für die deutsche Afghanistandebatte, die mehr zu tun hat mit deutschen Befindlichkeiten als mit der afghanischen Wirklichkeit. Dazu gehört etwa die Trennung in „guten“ zivilen und „schlechten“ militärischen Einsatz. Man braucht nur mit Verantwortlichen wie dem des Militarismus gänzlich unverdächtigen UN-Beauftragten Tom Koenigs zu reden oder dem in Deutschland politisch grün sozialisierten afghanischen Außenminister Rangin Spanta, um gesagt zu bekommen, dass diese Trennung Unsinn ist.

In Deutschland hält sich aber hartnäckig die Vorstellung, man könne die Taliban mit Gulaschkanonen besiegen anstatt mit den Waffen der Briten, Amerikaner, Niederländer und Kanadier, die im Süden die Hauptlast des militärischen Kampfes tragen. Hier werden falsche Alternativen aufgebaut. Denn tatsächlich braucht Afghanistan beides: den robusten Militäreinsatz gegen die Taliban genauso wie den zivilen Wiederaufbau und die Rekonstruktion afghanischer Staatlichkeit. Die hiesige Debatte wie die Umfragemehrheiten gegen den Afghanistaneinsatz offenbaren das tief sitzende Bedürfnis der Deutschen, in die Händel dieser Welt nicht involviert zu sein.

In dieser Weltvergessenheit scheint auch der von Henry Kissinger zurecht gefürchtete deutsche Idealismus auf, dem es mehr darum geht, sich gut zu fühlen als das gute und richtige zu tun. Anders ist nicht zu erklären, warum hierzulande seit Jahren der „amerikanische Cowboy“ in Afghanistans Süden thematisiert wird, die mangelhaften Resultate des deutschen Engagements - etwa bei der Polizeiausbildung - dagegen kaum je Gegenstand öffentlicher Kritik sind.

Auch die Ablehnung der militärischen „Enduring Freedom“-Mission zeugt von der Neigung, Gesinnungsethik - wir machen uns nicht die Finger dreckig - vor Verantwortungsethik zu stellen, die die realpolitischen wie moralischen Folgen von Handeln oder Nichthandeln mitbedenkt. Letztlich wird hier ein Hang zum Isolationismus deutlich, der gegenläufig ist zu den wachsenden Ansprüchen der Welt an die Deutschen. Man darf vom Exportweltmeister, der wie kaum ein anderes Land von einer stabilen Weltordnung profitiert, aber durchaus verlangen, mehr zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung beizutragen.

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