Afghanistan : Vor dem letzten Dogma

Der Westen sollte im Afghanistankrieg die Taliban als Verhandlungspartner akzeptieren.

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Der Ort war die wichtigste Botschaft: Zum ersten Mal haben sich UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, US-Außenministerin Hillary Clinton und viele andere Politiker in Kabul zu einer internationalen Afghanistankonferenz getroffen. Allein der Schauplatz sollte beweisen, dass die Aufständischen weder die Regeln im Land bestimmen noch über seine Zukunft entscheiden.

Leider gibt es zu viele Gründe, an der Gültigkeit dieser Botschaft zu zweifeln. Das Signal von Kabul war ohnehin nicht an die Afghanen gerichtet, sondern an den Westen. Den meisten Paschtunen, Tadschiken oder Hazara ist es völlig egal, welcher Minister wegen Raketenalarms auf seine Landung warten musste. Sie interessiert, ob sie ihren Kindern im Winter genug zu essen geben können, ob ihnen korrupte Polizisten ständig Geld abpressen und ob sie auf dem Weg zum Markt ihr Leben riskieren.

Im Westen aber wachsen die Zweifel, ob es noch vertretbar ist, dass die eigenen Soldaten am Hindukusch ihr Leben opfern. Nie zuvor wurden mehr ausländische Soldaten getötet als im vergangenen Monat. Die US-Offensive gegen die Taliban im Süden des Landes verzögert sich. Der Krieg gegen die Aufständischen läuft schlecht. Deshalb versprach Präsident Barack Obama im Dezember, der Rückzug der US-Soldaten werde 2011 beginnen. Deshalb kündigte der afghanische Präsident Hamid Karsai nun an, Ende 2014 würden die Afghanen selbst die Sicherheitsverantwortung für ihr Land übernehmen. Aus afghanischer Sicht wird man einen sachlichen Grund für dieses Datum vergeblich suchen.

Die internationale Koalition der Afghanistanhelfer hat mangels Erfolg in den vergangenen Monaten Positionen geräumt, die ihre US- Führungsmacht zuvor mit ideologischer Gewissheit vertreten hatte. Lange war die US-Regierung über die Frage zerstritten, ob man mit den Aufständischen verhandeln solle. Jetzt ist sie zu der Einsicht gekommen, dass Stabilität in Afghanistan nicht erreicht werden kann, ohne die Taliban einzubinden. Im Mai gab sie Karsai bei dessen Besuch in Washington grünes Licht für Verhandlungen mit den Aufständischen.

Über den Preis einer Machtteilung Karsais mit den Aufständischen sollte man sich keine Illusionen machen. Um überhaupt Partner zu finden, aber auch um seine eigene Position zu retten, wird Karsai demokratische und menschenrechtliche Standards preisgeben. Und kein Kämpfer legt die Waffen nieder, wenn ihm Verfolgung droht. Der Gegensatz zwischen dem Ruf nach Gerechtigkeit und der Notwendigkeit einer Amnestie scheint schwer lösbar.

Bisher legen Amerika und Europa Wert darauf, nicht mit Aufständischen zu verhandeln, um sie nicht aufzuwerten. Nur der Einfluss auf die Regierung in Kabul soll sicherstellen, dass etwa Frauenrechte gewahrt werden. Ein starker Hebel ist das nicht. Längst hat der Westen seine Ziele verringert. Die Verantwortung für diese Enttäuschung kann er nicht allein bei Karsai abladen. Er sollte selbst Gespräche mit den Taliban führen, um den Prozess der Einbindung zu steuern. Auch das letzte Dogma gehört überprüft.

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