Afghanistanpapiere : Die deutschen Soldaten sind hoch gefährdet

Der Krieg in Afghanistan ist härter, schmutziger als offiziell dargestellt. Wenn das für die politische Elite nichts Neues ist, dann wussten die Regierungen also, dass die Soldaten im vermeintlich sicheren Norden seit langem hoch gefährdet sind. Aber wussten das auch die Abgeordneten, die dem Einsatz zugestimmt haben?

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In Afghanistan stellt die Bundeswehr für das Regionalkommando Nord eine Eingreiftruppe, Quick Reaction Force genannt. Auch an der Heimatfront, im Verteidigungsministerium, sind die Einheiten darauf gedrillt, schnell zu reagieren. Die gut neunzigtausend überwiegend geheimen Militärdokumente aus den afghanischen Kriegsjahren von 2004 bis Ende 2009, die der Onlineplattform Wikileaks zugespielt worden waren, standen gerade ein paar Stunden im Netz, da wusste der Ministeriumssprecher schon Bescheid: „Nichts Neues im Sinne des Nachrichtenwertes“ sei dort zu finden. Ähnlich äußerte sich kaum später Ruprecht Polenz, Vorsitzender im Auswärtigen Ausschuss: Die Dokumente würden, „alles in allem, von kleineren Ausnahmen abgesehen“, der offiziellen Darstellung der Regierung nicht widersprechen.

Chapeau, die Herren. Ein Zivilist mit der überdurchschnittlichen Fähigkeit, je eine Dokumentenseite voller Fachabkürzungen und militärischer Codes innerhalb von einer Minute zu verarbeiten, wäre mit dem Aktengebirge weit mehr als ein halbes Jahr beschäftigt. Die selbstverteidigungspolitischen Sprecher schaffen das locker an einem Vormittag.

Lediglich einige Journalisten, darunter ein Autor des Tagesspiegels, konnten die Unterlagen bereits Wochen zuvor unabhängig voneinander durchsehen und mit den offiziellen Erklärungen vergleichen. Sie alle kamen zum gleichen Ergebnis: Der Krieg in Afghanistan ist härter, schmutziger, verworrener, das Land viel weiter vom Frieden entfernt als offiziell dargestellt und behauptet.

Wenn das für die politische Elite in Deutschland nichts Neues ist, dann wussten die Regierungen und die sie tragenden Parteien also, dass viel mehr unbeteiligte Afghanen erschossen und von Bomben zerfetzt wurden. Dann wussten sie, dass ein geheimes US-Killerkommando in einem deutschen Lager stationiert ist; dann wussten sie von den mehr als 140 Fehlschlägen dieser Einheit und den dabei fast 200 getöteten Zivilisten. Sie wussten vom tödlichen Doppelspiel des Verbündeten Pakistan und von einem Putschversuch gegen den afghanischen Präsidenten. Dann wussten sie, dass die Soldaten im vermeintlich sicheren Norden seit langem hoch gefährdet sind, dass Afghanistan immer instabiler wird, dass der Krieg nicht einmal dann gewonnen ist, wenn die Taliban geschlagen sind.

Aber wussten das auch die Abgeordneten, die dem Einsatz zugestimmt haben? Wussten das die Wähler, deren Interessen am Hindukusch verteidigt werden?

Der Minister Karl-Theodor zu Guttenberg sagt dazu, „jedem Informierten“ sei bekannt, was in den Akten stehe, den Obleuten der Fraktionen zum Beispiel und damit sogar der Opposition. Er rate allerdings dazu, bei solchen Unterrichtungen „dann auch wach“ zu sein und zuzuhören. Selber schuld also, wer nichts weiß? In dieser Art des Zynismus ist in Deutschland auch darüber debattiert worden, ob der Einsatz der Isaf, der internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe, ein Kriegseinsatz ist. Guttenberg, der mehr wusste als andere, sprach als erstes Mitglied der Regierung von Krieg. Der Wahrheit kam er damit nur insoweit näher, als er seinem politischen Instinkt folgte und einem weit verbreiteten Gefühl in der Öffentlichkeit entsprach.

Ach ja, der ehrliche Minister, der große Aufklärer. Die Menschen sind nicht ganz so naiv, wie die Regierung es gerne hätte. Jetzt wissen sie auch noch genau, was sie ohnehin schon ahnten. Ihre Vertreter im Bundestag werden ganz wach sein, beim nächsten Mal.

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