Meinung : Agent Orange in der Ukraine

Hoffnungsträger Juschtschenko steht eine lange Krankheit bevor

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Alexander S. Kekulé Nach Auskunft seiner Wiener Ärzte soll der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko mit Dioxin vergiftet worden sein, und zwar mit „einer Dosierung im Milligramm beziehungsweise im unteren Grammbereich“. Wenn das stimmt, handelt es sich um die höchste Menge des Supergiftes, die je bei einem Menschen gemessen wurde: Bis zu 1000 Mal mehr als beim bisherigen Rekord aus dem Jahre 1998, der ebenfalls in Wien gemessen wurde – damals war eine 30-Jährige auf mysteriöse Weise mit etwa 1,6 Milligramm Dioxin vergiftet worden. Bei der Seveso-Katastrophe von 1976 lagen die höchsten Werte weit unter einem Milligramm.

Theoretisch müsste ein Mensch nach Verabreichung solcher Mengen längst tot sein. Im Tierversuch ist Dioxin 10 000 Mal giftiger als Zyankali, 500 Mal giftiger als Strychnin. Ein Millionstel Gramm tötet eine Ratte. Selbst kleinere Mengen der chlorhaltigen Verbindung (Tetrachlorodibenzo-p-dioxin, TCDD) verursachen beim Menschen bereits die „Chlorakne“, an der auch Juschtschenko offenbar leidet.

Erstaunlicherweise gab es jedoch einige Fälle, in denen trotz enormer Dioxinwerte außer dieser Hauterkrankung kaum Symptome auftraten. Auch das am schwersten vergiftete Kind aus Seveso und die Frau aus Wien trugen außer den Narben keine erkennbaren Dauerschäden davon. Mehr noch: Nach Seveso und anderen Dioxinunfällen wurden Hunderte von Opfern über Jahrzehnte gründlich nachuntersucht – doch die anfangs vermuteten Langzeitschäden wie schwere Leber- und Nervenerkrankungen blieben aus.

Deshalb diskutieren Fachleute neuerdings, ob das „Supergift“ Dioxin für den Menschen wirklich so giftig ist. Bei kaum einer Chemikalie hängt die Toxizität so stark von der Tierart ab – Hamster vertragen die zweitausendfache Menge Dioxin wie Meerschweinchen. Offenbar ist der Homo sapiens gegen Dioxin resistenter als viele Versuchstiere. Auch unterscheiden sich dem Seveso-Gift TCDD ähnliche Verbindungen, die ebenfalls als „Dioxine“ bezeichnet werden, erheblich in ihrer biologischen Wirkung. Unbestritten ist lediglich, dass insbesondere die lang anhaltende Dioxinaufnahme das Krebsrisiko und die Missbildungsrate erhöht.

Für Juschtschenko und seine Kampagne mit der Kennfarbe Orange ist zu hoffen, dass der Oppositionsführer eher dem Hamster als dem Meerschweinchen ähnelt. Wenn er das Gift wirklich im September verabreicht bekam, stehen ihm noch viele Monate langer, schwerer Krankheit bevor – die Chlorakne und die starken Schmerzen könnten noch ein Jahr lang weiter zunehmen.

Mysteriös bleibt, was die Täter des vermuteten Anschlages eigentlich im Sinn hatten. Über die Wirkung derartig hoher Dioxindosen am Menschen ist nur wenig bekannt. Möglicherweise haben die Täter sich einfach in der Menge vergriffen, oder sie verfügten über unveröffentlichte Erkenntnisse aus dem Chemiewaffenprogramm der Sowjetzeit. Vielleicht hatten sie auch nur die gerade veröffentlichten Berichte zu den schrecklichen Langzeitwirkungen des Agent Orange aus dem Vietnamkrieg gelesen: Das Entlaubungsmittel war mit Dioxin verunreinigt. US-Flugzeuge haben insgesamt rund 170 Kilogramm davon versprüht, Hunderttausende Kinder wurden mit Fehlbildungen geboren. Bleibt zu hoffen, dass das Gift gegen die „orangene Revolution“ der Ukraine weniger wirksam ist.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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