Meinung : Agrarpolitik: Ganz einfach - zurück zur Natur

Spätestens seit dem Rücktritt zweier Minister als Eingeständnis des Versagens in der BSE-Krise ist eine Forderung in aller Munde, die früher eher ein grünes Randgruppenthema war: die Umkehr von der konventionellen zu einer ökologischen Landwirtschaft. Diese zu definieren, fällt freilich schwer. Alleine in Deutschland gibt es acht verschiedene Anbauverbände, die nach unterschiedlichen Kriterien produzieren. Den zwingend gebotenen Abschied von der konventionellen Landwirtschaft unter Hinweis auf die Zerstrittenheit der Ökologen zu hintertreiben, wäre aber dumm. Der Verbraucher macht weitere Zeitschinderei nicht mit. Und die Agrarlobby ist ja auch wirklich weit weniger mächtig, als es die Konsumenten sind.

Die Situation ist paradox. Noch nie haben sich in Westeuropa so viele Menschen mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln ausreichend ernähren können wie heute. Aber noch nie war, bei einer ständig wachsenden Zahl von Verbrauchern, auch die Angst so groß, unwissentlich minderwertige oder gar schädliche Nahrungsprodukte zu sich zu nehmen. Das beruhigende Gefühl, dass niemand mehr verhungern muss, wird überlagert durch die Furcht, sich krank zu essen. Und seit es BSE gibt, ist aus der Furcht Panik, Todesangst geworden.

Erst die Erkenntnisse der modernen Agrarwissenschaften, die Anwendung neuer Düngemethoden und der Einsatz ertragsstärkeren Saatgutes haben den Hunger aus Europa vertrieben. Damit ist aber auch aus der bäuerlichen Welt, die unsere Großeltern kannten und deren Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden konnten, eine Industrie geworden, die in weitgehender Anonymität und nach Regeln, die keiner mehr durchschaut, aus Tieren und Pflanzen Esswaren produziert. Diese können gut sein oder ekelerregend, gesund oder krankmachend. Das ist so, weil der Mensch pervertiert hat, was einmal als Fortschritt begann.

Die Landwirtschaft Europas produziert heute weit mehr, als sie absetzen kann. Wenn die EU ihre katastrophale Agrarpolitik tatsächlich ändert - auf der einen Seite Überproduktion belohnen, auf der anderen Seite Überschussvernichtung honorieren - werden sich die Bauern umstellen. Sie werden sich wieder auf naturnahe Produktionsweisen wie regelmässigen Fruchtfolgenwechsel besinnen und Dünger und Pestizide konsequent reduzieren. All das führt nach unabhängigen Analysen nicht zu geringeren Erträgen, sondern zu besseren und besser bezahlten Produkten - und vermindert die Kosten der Bauern. Viele von ihnen haben zudem die Vorteile der regionalen Vermarktung erkannt. Gute Supermärkte übrigens auch. Wer aber meint, auf den armen Böden in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern Mais anbauen zu müssen, wird sich umstellen oder aufgeben müssen.

Was in der Pflanzenwirtschaft gilt, hat in der Viehwirtschaft im übertragenen Sinne Gültigkeit. Zur Sicherstellung der Ernährung brauchen wir in Europa keine Massentierhaltung. Schweine und Rinder, die natürlich aufwachsen, benötigen auch keine Wachstumshormone und weit weniger Antibiotika. Wer Kälber mit Tierfetten statt mit Milch aufzieht, überspringt in ethisch unverantwortlicher Weise Grenzen genauso wie der Bauer, der später die Pflanzenfresser mit Tiermehl füttert.

Wenn all das von einsichtigen Bauern mit Hilfe der Politik umgesetzt wird, haben wir zwar in einigen Jahren noch keine ökologische Landwirtschaft im Sinne der reinen Lehre. Aber wir sind zumindest auf dem Weg zu einer Ernährung, die sich in einem gewissen Einklang mit der Natur befindet. Das ist kein schlechtes Ziel.

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