Agrarspekulation : Replik auf Thilo Bode

Der Wirtschaftsethiker Ingo Pies antwortet auf einen Gastbeitrag von Thilo Bode im Tagesspiegel.

Ingo Pies

Da kritisiert man die Welthungerhilfe, und statt Bärbel Dieckmann antwortet: Thilo Bode. So ist er in der öffentlichen Wahrnehmung längst zum Frontmann der Gemeinschaftskampagne gegen Agrarspekulation geworden. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit beansprucht er die Deutungshoheit über wissenschaftliche Forschungsergebnisse.

Im letzten Jahr hat Thilo Bode innerhalb weniger Monate drei Streitgespräche geführt, in denen ihn Inhaber ökonomischer Lehrstühle ein ums andere Mal darauf hinwiesen, dass seine Ansichten über Finanzakteure als „Hungermacher“ verfehlt sind. Mittlerweile liegt eine in Ko-Autorschaft mit Agrarökonomen vom Leibniz-Forschungsinstitut IAMO erarbeitete Auswertung von 35 empirischen Studien vor. Hierzu gibt es auch einen allgemein verständliches Policy Brief. Die Auswertung belegt, dass die in der Gemeinschaftskampagne verlautbarten Thesen zur Erklärung der Agrarpreise jedenfalls mit dem gegenwärtigen Stand der Forschung nicht in Einklang stehen und dass die wissenschaftlichen Regulierungsempfehlungen den erhobenen Verbotsforderungen widersprechen. In einem offenen Brief berufen sich 40 Wissenschaftler verschiedener Hochschulen aus ganz Deutschland auf diese Auswertung und äußern sich besorgt über die von der Kampagne verursachte Schieflage der öffentlichen Diskussion.

Ich plädiere nicht dafür, der Wissenschaft blind zu vertrauen. Auch Wissenschaftler können irren. Der Irrtum und die systematische Korrektur von Irrtümern ist sogar das eigentliche Lebenselixier der Wissenschaft. Insofern besteht weiter Forschungsbedarf, wie man übrigens in der Auswertung der Studien und auch im offenen Brief nachlesen kann.

Wohl aber plädiere ich dafür, das ernst zu nehmen und zu nutzen, was die internationale Forschung bislang an Erkenntnissen zusammengetragen hat. Hier gelange ich mit zahlreichen anderen Wissenschaftlern zu der Einschätzung, dass bei aller Vorläufigkeit und Fallibilität wissenschaftlicher Erkenntnisse mittlerweile so gewichtige Gegenargumente theoretischer und vor allem empirischer Art auf dem Tisch liegen, dass die zivilgesellschaftlichen Akteure nicht klug beraten sind, ihre Gemeinschaftskampagne unbeirrt fortzuführen.

Hier geht es auch um handwerkliche Fehler: Die zur Gemeinschaftskampagne vereinigten Organisationen arbeiten in ihren umfangreich schriftlich ausgearbeiteten Reports mehrfach mit Behauptungen, die Organisationsdefizite beim Qualitätsmanagement offenbaren. Es wäre daher hilfreich, die emotional geführte Auseinandersetzung für Sachargumente zu öffnen, damit das moralische Engagement nicht denen schadet, denen geholfen werden soll.

Thilo Bode argumentiert in seinem Artikel im Tagesspiegel differenziert und zurückhaltend. Zwei Aussagen möchte ich dennoch im Sinn einer gemeinsamen Konsenssuche hinterfragen.

Thilo Bode schreibt: „Es gibt stichhaltige wissenschaftliche Belege, dass sich Preisblasen an den Warenterminbörsen für Agrarrohstoffe bilden können, die sich in drastisch erhöhten Verbraucherpreisen von Weizen, Soja oder Mais niederschlagen.“ In der Tat sagt die Wissenschaft: Blasenbildung ist möglich. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob dies hier auch tatsächlich der Fall war. Das muss mit großer methodischer Sorgfalt empirisch untersucht werden. Solche Untersuchungen liegen vor. Sie wurden gründlich ausgewertet. Die Auswertung gibt Entwarnung.

Thilo Bode schreibt: „Wer behauptet, der Hunger könne allein durch eine Steigerung des Nahrungsangebots bekämpft werden, ist ein Zyniker: Vielerorts sind die Menschen einfach zu arm, um sich ausreichend Nahrung leisten zu können – ein größeres Angebot ändert daran nichts.“ Aber müsste nicht eigentlich klar sein, dass eine Steigerung des Angebots die Preise sinken lässt, was gerade den Armen zugutekäme? Und ließe sich nicht auch das Einkommen der Armen steigern, wenn man die Produktivität kleinbäuerlicher Betriebe anheben würde? Gemeinsam mit Ko-Autoren habe ich dazu gerade eine Darstellung verfasst, die Ansätze hierfür aufzeigt.

Als Wirtschaftsethiker möchte ich ein zweites Thema ansprechen, das in diesem Kontext mehr Aufmerksamkeit verdient. Es geht um die Rolle von Skandalen für gesellschaftliche Lernprozesse und hier insbesondere um eine Ordnungsethik für den Sektor zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Greenpeace hatte mit der Kampagne um die Brent Spar seinerzeit erfahren müssen, welche Folgen unzutreffende Behauptungen für die eigene Glaubwürdigkeit haben. Greenpeace hat sich dafür in aller Form entschuldigt und entsprechende Konsequenzen für das hausinterne Qualitätsmanagement gezogen.

Wem ist geholfen, wenn Organisationen eine Kampagne fahren, die die Öffentlichkeit und vielleicht sogar die eigenen Mitarbeiter und Anhänger in die Irre führt, weil sie auf Falschinformationen aufgebaut ist? Ich habe bereits im letzten Sommer davor gewarnt, dass bei der Gemeinschaftskampagne gegen Agrarspekulation eine Vertrauens- und Reputationskrise mit beträchtlichem Kollateralschaden droht, und zwar nicht nur für die Kampagnenträger, sondern für den gesamten Sektor zivilgesellschaftlicher Organisationen. Deshalb hatte ich angeregt, rechtzeitig auf Schadensbegrenzung umzuschalten, um zu verhindern, dass namhafte Organisationen wie die Welthungerhilfe ihren guten Ruf durch eine leichtfertig ins Werk gesetzte Kampagne ramponieren.

Ein persönliches Wort zum Schluss: Ich habe mir die Fakten gründlich angeschaut und nach reiflicher Überlegung entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil mir das Problem einer wirksamen Bekämpfung des globalen Hungers ernst und wichtig ist. Als Wirtschaftsethiker hätte ich nicht gezögert, auch radikale Verbotsforderungen mit zu unterstützen, wenn denn die Vorwürfe an die Indexfonds zutreffen würden. Sie treffen aber offenkundig nicht zu. Die wissenschaftlichen Befunde sprechen jedenfalls für eine andere Sicht der Dinge.

Die Kampagne gegen Agrarspekulation ist nicht nur schlecht begründet, sie ist auch kontraproduktiv: Was hätte zur Verbesserung der globalen Nahrungssicherheit bis heute schon alles erreicht sein können, wenn die Zivilgesellschaft nach 2008 begonnen hätte, sich mit der gleichen Verve für eine Reform beispielsweise der Bioenergie-Förderung einzusetzen? Deshalb bleibe ich dabei: Nicht die Agrarspekulation, sondern eine irreführende Gemeinschaftskampagne gegen Agrarspekulation ist der eigentliche Skandal.

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