Meinung : Ahmadinedschad ist kein Friedrich der Große

Der Iran wird älter: Selbstmörderische Massen gibt es nicht mehr Von Gunnar Heinsohn

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Am 17. März 2007 prahlte „Subhi Sadek“, die Wochenzeitung der iranischen Revolutionären Garden, dass es für ihre Einsatzgruppen „ein Leichtes sei, einen Haufen blauäugiger und blondhaariger Offiziere einzufangen und an ihre Kampfhähne zu verfüttern“. Fünf Tage später holte sich die Revolutionsgarde fünfzehn britische Royal Marines. Die wurden dann aber doch nicht verfüttert, sondern nach Verhandlungen freigelassen.

Während der Geiselkrise erinnern sich die Experten umgehend an die Besetzung der Teheraner US-Botschaft 1979, in der knapp siebzig Geiseln 444 Tage lang eingesperrt werden. Es gibt jedoch einen immensen Unterschied zwischen 1979 und 2007. Damals tobten Hunderttausende vor der amerikanischen Botschaft. Jetzt brachte das Regime gerade mal 200 Leute zusammen, die ihre auf Englisch geschriebenen Forderungen nach Hinrichtung der Briten in die Kameras halten.

Weder die Hintergründe der Botschaftsbesetzung noch die islamische Revolution überhaupt sind ausreichend erklärt. Iran hatte damals keinen Krieg verloren, und die Ersparnisse seiner Bürger waren keiner Inflation zum Opfer gefallen. Zudem war das Pro-Kopf-Einkommen im Jahrzehnt des revolutionären Rausches von 2600 auf 3600 Dollar kräftig gestiegen. Kein Wunder, dass die CIA eine tief greifende Krise nicht zu sehen vermochte und Zbigniew Brzezinski – als Präsident Carters Sicherheitsberater – dem Schah immer wieder vollmundig versicherte, dass eine mögliche Zuspitzung kurzfristig bleibe und mit Hilfe des US-Militärs schnell zu neutralisieren sei.

Auch heute ist die Ratlosigkeit nicht gewichen. Selbst ein so ausgewiesener Kenner wie Wolfgang Günter Lerch will bestenfalls vage vermuten, dass „letztlich“ der CIA-gestützte Sturz Mohammed Mossadeqs aus dem Jahre 1953 die Unruhen von 1978/79 hervorgerufen habe. Weil diese Reaktionszeit doch arg lang wäre, erkennen Zeithistoriker in den Ereignissen von 1953 denn auch nur einen Vorwand, nicht aber die Ursache für die Ablösung des Schahregimes.

Gleichwohl gibt es Entwicklungen, die erst nach Jahrzehnten Wirkung zeigen. Dazu gehören Geburtenraten. Niemand in der amerikanischen Regierung aber wusste etwas über demografische Feindaufklärung, obwohl die ganz ohne Spionage zu haben war. Dass jede iranische Frau zwischen 1950 (damals 16 Millionen Einwohner) und 1978 (35 Millionen) im Durchschnitt sieben Kinder aufzog, kam offenbar weder Carter noch Brzezinski zu Ohren. Mehr als zehn Kinder pro Familie waren keine Seltenheit. Demografisch glich der Iran dem Gazastreifen, aber auch Europas kriegerischem 18. Jahrhundert, als Friedrich der Große eines von dreizehn Geschwistern war und Kaiserin Maria Theresia, gegen die er Krieg führte, mit sechzehn Geburten dagegenhielt.

Der Iran ging durch einen extremen youth bulge. Die Hälfte der Nation war bei der Vertreibung des Schahs jünger als 15 Jahre. Von 100 männlichen Einwohnern standen 35 Prozent im traditionellen Sturm- und Drangalter von 15 bis 30 Jahren. Das waren die Massen, auf denen Ajatollah Khomeini an die Macht gespült wurde. Riesenaufgebote wirklich zorniger, weil ohne Zukunft dastehender junger Männer randalierten vor der US-Botschaft. Und alsbald wurden 600 000 im Krieg gegen den Irak geopfert, dessen Diktator Saddam seinen eigenen youth bulge durch imperialistische Einsätze vom Bürgerkrieg abhalten wollte.

2007 ist alles anders. Präsident Mahmud Ahmadinedschad, 1956 als eines von sieben Kindern eines Schmieds geboren, geht bei der demografischen Abrüstung mit nur noch drei eigenen Kindern persönlich voran. Das Durchschnittsalter im Iran ist von 15 auf über 26 Jahre gestiegen. Doch dabei bleibt es nicht. Im Jahre 2006 fällt der Iran mit nur noch 1,8 Kindern pro Frau hinter Länder wie Israel (2,41), die USA (2,09) und selbst Frankreich (1,84) deutlich zurück. Man schafft nicht einmal mehr die Nettoreproduktion, und obendrein wandern jährlich 40 000 der Aktivsten aus.

Halbwüchsige, die Menschen mit sich in den Tod reißen, können die Mullahs schon längst nicht mehr in Marsch setzen. Westliche Sorgenträger, die den Vorderen Orient durch die Jugend des Iran in Brand gesetzt sehen, wenn man ihm sein Atomwaffenpotential nimmt, sind ähnlich uninformiert wie damals Präsident Carter. Die kriegerischen oder selbstmörderischen Massen von 1978 gibt es 2007 nicht mehr. Natürlich reicht es – wie auch in Algerien oder dem Libanon, wo die Geburtenrate ebenfalls von sieben auf zwei Kinder pro Frau gefallen ist – zu Anschlägen hier und dort. Aber die Möglichkeit, unzählige Söhne militärisch zu verheizen, besteht in diesen drei Ländern genauso wenig wie nach 1945 in Europa.

Der Autor ist Genozid- und Zivilisationsforscher. Er unterrichtet an der Universität Bremen.

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