Aids und der Papst : Achtung, Lebensgefahr

Mit seiner Äußerung, Kondome verschlimmerten die Gefahr von Aids noch, setzt Papst Benedikt XVI. auf die verbohrte offizielle Haltung der katholischen Kirche noch einen drauf. Die Kirche ist sehr stolz darauf, dass sie Leben schützen will. Ungeschützter Sex aber gleicht in vielen Ländern dieser Erde einem Urteil zum qualvollen Tod.

Ingrid Müller

Tiefrot leuchtet das südliche Afrika. Eine Farbe wie ein Fanal. Denn die Karte stammt aus dem Aids-Report 2008 der Vereinten Nationen. Dort, wo es glutrot ist, leben die meisten Menschen mit Aids auf der Welt. Südlich der Sahara sind das 67 Prozent aller mit HIV Infizierten – insgesamt 22 Millionen Menschen. Die Reihe der deprimierenden Zahlen lässt sich fortsetzen. 90 Prozent der rund zwei Millionen mit HIV lebenden Kinder unter 15 leben dort, drei Viertel der an Aids gestorbenen kamen aus der Region. Dort leben aber nur zehn Prozent der Menschen.

Mitbürger, Mediziner und Helfer sehen, wie in einigen Ländern Afrikas eine ganze Generation wegstirbt, die Generation, die eigentlich etwas voranbringen sollte und könnte: die 20- bis 45-jährigen. Wegen Aids ist die Lebenserwartung in diesem Teil der Erde um neun auf 52 Jahre gesunken. Gerade schlagen Forscher des Demokratie-Instituts in Südafrika Alarm, dass die öffentlichen Institutionen rundherum zusammenzubrechen drohen, weil die Hälfte der Stadt- und Gemeinderäte sterben, bevor sie 50 werden.

All diese Zahlen lassen ahnen, wie komplex das Thema ist. Jeder weiß, dass es nicht das eine Allheilmittel gibt, um neue Infektionen zu verhindern. Aber alle, die sich mit der Krankheit auseinandersetzen wissen, dass der Einsatz von Kondomen Leben retten kann. Denn die meisten neuen Infektionen entstehen weiterhin durch Geschlechtsverkehr (auch innerhalb der Ehen). Deshalb werben Verantwortungsbewusste seit Jahren für den Gebrauch schützender Gummis – auch katholische Pfarrer, nicht nur in Afrika. Die Statistiken sagen, dass sich an einigen Stellen langsam etwas bessert.

Nun ist der Papst nach Afrika gefahren, und man muss warnen: Achtung, Lebensgefahr. Denn mit seiner Äußerung, Kondome verschlimmerten die Gefahr von Aids noch, setzt er auf die verbohrte offizielle Haltung der katholischen Kirche noch einen drauf. Und er schlägt selbst seinen eigenen Leuten ins Gesicht, die versuchen, Menschen vor Ansteckung zu schützen und Kranken Hoffnung zu geben. Mancher auch von ihnen würde die Worte wohl eine gefährliche Verharmlosung nennen, geben sie doch auch denen scheinbar recht, die die Krankheit gewissenlos weitertragen.

Damit, dass der Pontifex bei seinem Dogma bleibt, Sex sei immer auch Fortpflanzungsakt, stellt er zudem einen Teil des Glaubens über einen anderen. Die Kirche ist sehr stolz darauf, dass sie Leben schützen will. Ungeschützter Sex aber gleicht in vielen Ländern dieser Erde einem Urteil zum qualvollen Tod. Darf ein Papst das? In Afrika jedenfalls haben viele Menschen keinen Zugang zu teuren Medikamenten.

Papst Benedikt XVI., der sich so sehr auf die Traditionen der Kirchenlehre beruft, nutzt doch gleichzeitig sehr bewusst die Möglichkeiten der Moderne, um seine gestrige Botschaft als Chef einer großen Weltkirche unters Volk zu bringen. So war es auch mit seinem Interview über den Wolken. Das flog mit Hilfe moderner Kommunikation sogleich um die Erde. Das Unheil ist global angerichtet. Der „Pope of Hope“, wie seine Anhänger ihn empfingen, hat schon vor der Landung viele Hoffnungen begraben. Benedikt sagt solche Dinge nicht aus Versehen. Dass sein Sprecher anschließend wieder einmal versucht, seinen Herrn zu erklären, spricht Bände – jedoch nicht für die Weitsicht des Papstes. Gerade, weil so viele Afrikaner Hoffnungen in ihn setzen, sind seine Äußerungen doppelt fatal.

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