Meinung : Akademikerschwund: Neue Lehrer braucht das Land

Susanne Vieth-Entus

Wegen Lehrermangels nicht erteilt" - dieser lakonische Stempel schloss in den sechziger und frühen siebziger Jahren manche Lücke in Schulzeugnissen. Denn die fetten Jahre der späten Adenauer-Ära füllten nicht nur die Auftragsbücher der Industrie, sondern auch die Schulbänke, und zwar derart, dass die Lehrer hinten und vorne nicht mehr reichten. Bis die Anti-Baby-Pille den Kinderboom beendete, mussten die Schulen gehörig herumtricksen, um den Kindern zu einem halbwegs ausreichenden Stundenplan zu verhelfen. Manche Klassen hatten generell einen Tag pro Woche schulfrei.

Was in den Erinnerungen der heute Vierzigjährigen etwas verklärt wird - am freien Tag konnte man so schön herumlungern - das könnte für deren Kinder schon bald wieder aktuell werden. Denn der Lehrermangel ist inzwischen so unübersehbar, dass sich jetzt sogar die schwerfällige Kultusministerkonferenz mit dem Thema befasst. Das allein kann schon als Alarmsignal gewertet werden. Erschwerend kommt aber hinzu, dass sich die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt seit damals getrübt haben. Die Freude über viele Frei-Stunden oder sogar Frei-Tage wird sich nur noch bei wenigen Kindern einstellen. Stattdessen die Furcht vor schlechteren Berufsaussichten.

Es gibt aber noch einen anderen erheblichen Unterschied zur Situation vor 30 Jahren: Diesmal war man vorgewarnt. Und zwar seit langem. Legion sind die Prognosen der Gewerkschaften über die drohende Pensionierungswelle. Von Jahr zu Jahr bettelten sie darum, dass wenigstens kleine Einstellungskorridore geschaffen würden, um den Nachwuchs nicht zu entmutigen. Aber die Kollegien waren voll. Deshalb konnte kaum ein Bildungsminister eine großzügigere Einstellungspraxis bei den Haushaltsverhandlungen durchsetzen. Stattdessen wetteiferten die Länder darum, wer die Bildungsausgaben pro Schüler am schnellsten senkt.

Kurzsichtig schummelten sich die Verantwortlichen durch, liefen in die Lehrerverknappung hinein und taten nebenbei noch allerlei, um das Pädagogen-Image zu beschädigen und die Lehramtsstudienplätze an den Universitäten abzubauen. Messlatte war einzig und allein der klamme Etat. Berlin gab für dieses Verfahren ein typisches Beispiel ab. Jahrelang tröpfelten nur einige frische Absolventen in die Schulen. Es gibt Kollegien, deren jüngste Kraft über 50 ist. Viel haarsträubender als der absehbare Lehrermangel ist das Defizit an Ideen und Elan in den Schulen. Man müsste sich fast schon freuen über die Pensionierungswelle, weil sie endlich neue Leute bringt.

Auch wenn die Kultusminister jetzt ihre Werbekampagne für den Lehrerberuf starten, wird es ohne Engpässe nicht abgehen: Es dauert Jahre, um alle Lücken, insbesondere in den Mangelfächern, zu füllen. Deshalb müssen die Länder jetzt unkonventionelle Wege beschreiten. Eine Möglichkeit ist die Zulassung von Seiteneinsteigern aus anderen Berufen. Mit einer pädagogischen Fortbildung ausgerüstet, werden sie mancher Schule weiterhelfen können.

Nachdem die Kultusminister aufgewacht sind, müssen sie nun auch mehr Rückhalt in ihren Kabinetten bekommen. Immerhin hat das Beispiel Hessen vor zwei Jahren gezeigt, dass sich mit dem Thema "Schule" Wahlen gewinnen lassen. Falls die Länder jetzt nicht durchgreifen und kräftig in Lehrer investieren, werden die Schulsekretärinnen zwischen Flensburg und Hof demnächst auf die Dachböden ihrer Schulen huschen und in alten Kartons nach alten Stempeln suchen: "Wegen Lehrermangels nicht erteilt."

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