Meinung : Akademische Kindergärten

Mit Elite haben die deutschen Universitäten noch wenig zu tun Von Bassam Tibi

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Als ein Ausländer, der in den 60er Jahren in Deutschland studiert hat, habe ich den Niedergang der deutschen Universität begleiten können. Im 19. Jahrhundert und bis 1933 gehörten die deutschen Universitäten zu den besten in der Welt. Man lernte Deutsch, um mitzubekommen, was im akademischen Zentrum der Welt, in Deutschland, an Geistigem produziert wird. Dann kamen die Nazis und zerstörten alles, vor allem die Geisteswissenschaften. In Göttingen zum Beispiel, an dieser in Europa einst führenden Universität, lehrten viele Juden, unter ihnen mehrere Nobelpreisträger. Die Nazis haben sie ausgemerzt, sie flüchteten – wie andere – in die Vereinigten Staaten und machten die amerikanischen Universitäten zu Elite-Universitäten. Göttingen wurde zunächst eine braune Kloake und nach der Befreiung von Hitler hat die dortige Universität sich erholt, aber niemals wieder den alten Weltstandard erreicht. Im Nachkriegsdeutschland wurden die Politikwissenschaften als Disziplin der Umerziehung der Deutschen zur Demokratie („reeducation“) von den Westmächten eingeführt. Die Göttinger Politikwissenschaft entwickelte sich in diesen Rahmen und erbrachte durchaus vorzeigbare Leistungen. Dann kamen die späten 60er Jahre mit der Parole der Demokratisierung der Bildung. Die Reformen von damals führten in der Realität jedoch eher zu einer Standardisierung und Nivellierung. Dies kann man am Beispiel der Universität Frankfurt, die einst so große Namen wie Adorno, Horkheimer, Mitscherlich und Habermas vorweisen konnte, zeigen. Heute hat sie bestenfalls das Niveau einer Provinzuniversität. Dieser Prozess vollzog sich nicht nur in Frankfurt, sondern überall. Trotz der katastrophalen Verhältnisse wagte keiner, den Zustand zu beschreiben und nach funktionsfähigeren Universitäten zu rufen. Von einer Elite-Universität zu sprechen wäre angesichts der Sachlage reine Hochstapelei. Zudem galt das als „reaktionär“, ja zuweilen sogar als „faschistisch“. Es war der sozialdemokratischen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn vorbehalten, offen zu sagen, dass es so nicht weitergehe, und Elite-Universitäten zu fordern.

Bescheidenheit wäre jedoch angebracht. Wie sollen sich Universitäten wie die in Göttingen, Frankfurt und Berlin von akademischen Kindergärten zu Elite-Universitäten wandeln? Die Initiative ist richtig und unter der neuen Regierung sollte bescheiden darüber nachgedacht werden, wie die Funktionsfähigkeit der deutschen Universitäten verbessert werden kann, damit die Studenten besser studieren können, statt herumzuhängen. Vorlesungen und Seminare, wo Studenten wie im Supermarkt ein- und ausgehen, sollen einen institutionellen Bezugsrahmen und auch ein höheres Niveau bekommen.

Äußerst Besorgnis erregend ist der Trend, wie man in Deutschland die Misere zu überwinden versucht: indem man die Naturwissenschaften auf Kosten der Geisteswissenschaften höher stuft. Wer Harvard und Princeton kennt, weiß, dass die dortigen politikwissenschaftlichen Fakultäten, die Kennedy School of Government (Harvard), die Wilson School for International Affairs (Princeton) oder das Department of Government (Cornell), die Aushängeschilder jener Welt-Elite- Universitäten sind. In Göttingen will der derzeitige Universitätspräsident Kurt von Figura (ein Biochemiker, dessen Werk aus einer einzigen Monographie, dem 60-seitigen Pflichtexemplar seiner Dissertation, besteht) ein „niedersächsisches Harvard“ herbeizaubern. Er fängt mit einem Angriff auf die Politikwissenschaft an, der er „Exzellenz“ und „Entwicklungsfähigkeit“ abspricht und kündigt an, „Schwachstellen auszumerzen“. Das Kurzzeitgedächtnis lässt verdrängen, wie in Göttingen 1933 ausgemerzt wurde.

Die Geisteswissenschaften und der Wettbewerb prägen die politische Kultur einer wahren Elite-Universität. Die deutsche Universität ist weit von dieser Kultur entfernt. Was ansteht, ist die Verbesserung der Studienbedingungen an der deutschen Universität – nicht ein „Ausmerzen“ (Kurt von Figura) im Nazi-Stil und auch nicht das Luftschloss eines „niedersächsischen Harvard“.

Der Autor lehrt Politische Wissenschaften in Göttingen und an der Cornell University.

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