AKW-Studie : Unheimliche Todesfälle

Die Häufung von blutkrebskranken Kindern um Akws ist besorgniserregend und kann nicht durch die bislang verdächtigten Störfaktoren erklärt werden. Kindliche Leukämien könnten vielleicht durch wesentlich niedrigere Strahlendosen ausgelöst werden als bisher angenommen.

Alexander S. Kekulé

Unheimlich ist sie ja schon, die Radioaktivität. Man kann sie nicht sehen, hören, schmecken, riechen oder fühlen. Aus den Wänden strahlt radioaktives Kalium, Radon liegt in der Luft, in der Milch und den Pilzen stecken immer noch Cäsium und Jod aus Tschernobyl. Sogar die radioaktiven Reste der überirdischen Atombombentests aus den 50er und 60er Jahren sind noch weltweit nachweisbar. Dass Radioaktivität lebensgefährlich sein kann, zeigten die qualvollen Tode der Aufräumarbeiter von Tschernobyl und des mit Polonium vergifteten Kreml-Kritikers Litwinenko. Auch Marie Curie, die 1903 für die Erforschung der Radioaktivität den Nobelpreis bekam, starb an Leukämie.

Da verwundert es nicht, dass Atomkraftwerke (Akw) vielen Menschen unheimlich sind. Als 1983 ein Fernsehsender erstmals über fünf leukämiekranke Kinder in der Nähe der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield berichtete, war für Atomgegner die Sache klar: Kernkraft verursacht Krebs. Die britische Regierung gab damals zwei Studien in Auftrag, beide zeigten erhöhte Leukämieraten in der Nähe nuklearer Großanlagen. In den 90er Jahren wiederholte sich das mysteriöse Geschehen in Deutschland. Kinderärzte beobachteten eine Zunahme von Leukämien im Umkreis des Akw Krümmel an der Elbe, auch dies wurde durch mehrere Studien bestätigt. Im Juli dieses Jahres bewerteten amerikanische Wissenschaftler alle bisherigen Untersuchungen. Ihre „Metaanalyse“ der Daten von 136 Kernanlagen aus neun Ländern bestätigte die Leukämiehäufung zweifelsfrei.

Doch trotz der eindeutigen Daten war bisher nie bewiesen, dass die Zunahme der Leukämien auch tatsächlich durch die Radioaktivität verursacht wird – statistisch korreliert auch der Geburtenrückgang in den 60er Jahren mit einer gleichzeitigen Abnahme des Storchenbestandes in Deutschland. Als Ursache der Leukämien wurden deshalb unbekannte statistische Störfaktoren, sogenannte „Confounder“ vermutet. Infrage kämen etwa zivilisatorische Veränderungen wie der Zuzug von Menschen und Industrien im Zusammenhang mit der Errichtung einer Atomanlage. Auch eine Zunahme im ländlichen Raum ungebräuchlicher Chemikalien, vermehrte Ernährung mit Supermarktprodukten oder die Einschleppung von Viren durch Zugezogene könnten eine Rolle spielen.

Seit vergangener Woche besteht jedoch Anlass zu ernster Besorgnis. Eine Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums bestätigt, dass Leukämien bei Vorschulkindern zunehmen, je näher diese an einem Akw wohnen. Im Fünf-Kilometer-Umkreis wurden mehr als doppelt so viele Leukämien gefunden, wie statistisch zu erwarten wäre. Demnach hängen rund zwei Prozent der etwa 750 jährlich in Deutschland diagnostizierten kindlichen Leukämien mit den Kernkraftwerken zusammen. Das war, mehr oder minder, bereits vorher klar.

Die neue Untersuchung hat es jedoch auch aus einem weiteren Grund in sich: Als Vergleich dienten diesmal nicht andere Regionen ohne Akw, sondern für jedes leukämiekranke Kind wurden als „Kontrollen“ drei gesunde Kinder zufällig ausgewählt. Diese Methode der „Fall-Kontroll-Studie“ schließt alle bisher verdächtigten Confounder als Ursache der Leukämien aus. Die Kontrollkinder lebten in der gleichen Region, aßen dasselbe Essen, hatten ein vergleichbares zivilisatorisches Umfeld – nur wohnten sie statistisch gesehen etwas weiter entfernt vom nächsten Akw. Der Zusammenhang zeigte sich zudem auch in den östlich der Akws gelegenen Nachbarkreisen – das passt zu der Tatsache, dass in Deutschland meist Westwind vorherrscht.

Nun muss ein Dogma der Strahlenmedizin auf den Prüfstand. Anhand von Überlebenden der Atombombenabwürfe und von Strahlenunfällen war man bislang überzeugt, die winzige Strahlenbelastung durch Akws liege um das 1000- bis 10 000-Fache unter der Dosis, die für die Auslösung so vieler Leukämien erforderlich wäre. Allerdings wurde bisher nur die Wirkung einmaliger hoher Dosen auf Erwachsene untersucht – für lang anhaltende, niedrige Dosen bei Kindern gibt es schlichtweg keine Daten. Jetzt steht der Verdacht im Raum, kindliche Leukämien könnten durch wesentlich niedrigere Strahlendosen ausgelöst werden als bisher angenommen. Das hätte erhebliche Konsequenzen für die Kernenergie und für die Medizin. Möglicherweise war das instinktive Unbehagen der Atomgegner doch begründet.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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