Algeriens brutale Geiselbefreiung : Das geringere Übel

In Algerien ist die Armee ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen, um die Geiseln zu befreien. Ohne Plan, mit massiver Waffengewalt und ziemlich blindwütig. Der Westen ist empört, braucht aber Algerien – die Kritik an der Militäraktion wird daher bald verstummen.

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Die algerische Gasanlage auf einem Satellitenbild.
Die algerische Gasanlage auf einem Satellitenbild.Foto: Reuters

Natürlich darf man sich von Terroristen nicht erpressen lassen, muss ihnen klarmachen, dass ihre Gewaltakte sinnlos sind. Aber natürlich müssen die Sicherheitsbehörden auch versuchen, das Leben von Geiseln zu schützen. Das ist nun einmal das höchste Gut in allen zivilisierten Staaten.

Auch wenn sich der Nebel um das Geiseldrama in der algerischen Wüste nur langsam lichtet, lässt sich eines jetzt schon sagen: Es sieht nicht so aus, als ob beim massiven Angriff des algerischen Militärs auf die islamistischen Terroristen der Schutz von Menschenleben eine große Rolle gespielt hätte. Vielmehr drängt sich der verheerende Eindruck auf, dass die Armee ohne Rücksicht auf Verluste vorging. Ohne Plan, mit massiver Waffengewalt und ziemlich blindwütig. Als gelungene Befreiungsoperation kann man dies nicht bezeichnen. Die eintreffenden Berichte sprechen eher dafür, dass es sich um eine Art Vernichtungsangriff handeln sollte.

In einem demokratischen Land würde man ein solches brutales, unbesonnenes Vorgehen zweifellos als Skandal bezeichnen. Algerien ist aber eine Diktatur, in der Militär und Geheimdienste im Hintergrund die Fäden ziehen. Und ein Land, in dem in den 90er Jahren ein Vernichtungskrieg gegen die dort sehr populären Islamisten geführt wurde – am Ende starben dort mehr als 200 000 Menschen.

Algerien ist aber auch ein enger Verbündeter des Westens, der das Regime von Präsident Abdelaziz Bouteflika stets bedingungslos gestützt hat, als Bollwerk gegen den islamistischen Extremismus. Und als drittwichtigster Gaslieferant Europas, ohne den viele Heizungen auf dem Kontinent ausgehen würden. Das ist ein Grund, warum über schlimme Menschenrechtsverletzungen in dem Wüstenland regelmäßig hinweggesehen wird.

Die verständliche Empörung, die nun in den westlichen Hauptstädten nach der algerischen Militäroperation aufkommt, dürfte daher von kurzer Dauer sein. Natürlich muss man in Algier darauf drängen, dass vom Geiseldrama betroffene Regierungen frühzeitig konsultiert und Informationen herausgerückt werden. Aber die Diplomaten wissen besser als alle anderen, dass Manipulation und Stillschweigen zur Methode totalitärer Staaten gehören.

Bei aller Kritik, die nun zu hören ist, sollte nicht vergessen werden: Die wahren Verantwortlichen für die Eskalation sind die islamistischen Terroristen in der Wüste. Jene, die in Nordmali begonnen haben, einen Terrorstaat zu formieren. Und die nun versuchen, mit ihrem „Heiligen Krieg“ nicht nur im nördlichen Afrika durch Anschläge sowie Geiselnahmen Angst und Schrecken zu säen.

Auch wenn jetzt die Diskussion über die Terrorrisiken des Malikrieges noch schärfer werde dürfte: Es gilt, kühlen Kopf zu bewahren. Emotionale Debatten helfen in dieser brandgefährlichen Situation nicht weiter. Der Krieg in Mali und das Blutbad in Algerien zeigen, wo zurzeit die größte Terrorgefahr für Europa lauert. Nordafrika und die gesamte Sahara sind zum neuen Aufmarschgebiet für radikale Islamisten und fanatische Terroristen geworden. Ein Pulverfass, an dem schon seit Jahren die Lunte glimmt.

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