Alice Schwarzer und der Fall Kachelmann : Im Rampenlicht um jeden Preis

Alice Schwarzer beobachtet für die Bild-Zeitung den Kachelmann-Prozess. Ihrer Glaubwürdigkeit dient das nicht, ihrer Sache schadet es.

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Viel Aufmerksamkeit für Alice Schwarzer beim Auftakt des Kachelmann-Prozesses.
Viel Aufmerksamkeit für Alice Schwarzer beim Auftakt des Kachelmann-Prozesses.Foto: ddp

Alice Schwarzer beobachtet den Kachelmann-Prozess und berichtet davon – in der Bild-Zeitung. Auf ihrem Blog begründet die Emma-Chefredakteurin das so: "Die anderen Leitmedien der Republik – wie Spiegel oder Zeit – waren bisher in einem solchen Maße parteiisch pro Kachelmann, dass von diesen Seiten eine voreingenommene Berichterstattung zu befürchten ist." In der Bild-Zeitung soll dagegen auch die Sicht des mutmaßlichen Opfers ernst genommen werden.

Dass nun aber ausgerechnet die Bild-Zeitung bisher durch eine ausgewogene Berichterstattung im Fall Kachelmann aufgefallen wäre, lässt sich nur schwerlich behaupten. Das Boulevardblatt machte mit dem Thema wochenlang Auflage, kein Detail war zu privat, um es nicht medial auszubreiten –  und dies betraf nicht nur Jörg Kachelmann, sondern durchaus auch die Frauen und möglichen Opfer aus seinem Umfeld. Kachelmann ging mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Zeitung vor, die er später allerdings wieder zurückzog.

Doch neben der Frage nach der Objektivität von Bild stellt sich auch die Frage nach der Glaubwürdigkeit Schwarzers. Als Emma-Chefin kämpft sie seit Jahren gegen Pornographie und Prostitution. Bei beiden Themen gibt es auch unter Feministinnen unterschiedliche Positionen, nicht alle lehnen Pornographie pauschal als frauenfeindlich ab, nicht alle Feministinnen halten selbst bestimmte Sexarbeit für etwas Schlechtes. Doch Schwarzers Position ist da eindeutig. "PorNo" heißt die Emma-Kampagne und "Solidarität mit Prostituierten, Kampf der Prostitution".

Mit ihrem Einsatz bei Bild unterstützt sie aber ein Blatt, das in seiner Breitenwirkung und Penetranz wohl sexistischer ist als so mancher Porno. Was war noch mal Sexismus? Ach ja, zum Beispiel, dass Frauen als Objekte wahrgenommen und dargestellt werden, man könnte auch sagen: als Ware. Jeden Tag bildet die Zeitung nackte Frauen auf Seite eins unter meist schlüpfrigen Überschriften ab. Die Zeile über dem heutigen "Bild-Girl" lautet: "Kornelia ist noch zu haben". Auf den Anzeigenseiten für käuflichen Sex im Angebot: eine "echte Türkin", eine "schlanke Polin" und massierende "Megabrüste". Mit solchen Anzeigen wird viel Geld verdient, dahinter steckt Prostitution, manchmal auch Zwangsprostitution. Solidarität mit Prostituierten sieht anders aus.

Vielleicht sind im Fall Kachelmann eine ausgewogene Berichterstattung und ein fairer Prozess wirklich kaum noch möglich. Tatsächlich waren in den von Schwarzer kritisierten Zeitungen unsachliche Artikel zu lesen, die Kachelmann als unschuldiges Opfer einer rachsüchtigen Frau darstellen. Mit ihrem Engagement für einen sensationslüsternen Boulevard trägt Alice Schwarzer aber nicht zur Objektivität bei, sondern steigert ihre eigene Medienpräsenz und heizt das Spektakel weiter an.

Viel wichtiger wäre aber eine ernsthafte Diskussion darüber, wie Vergewaltigungsopfern wirklich geholfen werden kann. Denn wenn – wie in einer Talkshow zum Fall Kachelmann geschehen -  selbst ein ehemaliger Staatsanwalt sagt, dass er seiner eigenen Tochter von einer Anzeige im Fall einer Vergewaltigung abraten würde, weil die anschließenden Ermittlungen zu entwürdigend seien und stets die Gefahr bestehe, dass das Opfer schließlich als Verleumderin dasteht, dann kann etwas nicht stimmen.

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