Meinung : Alices Töchter

Alphamädchen und Feuchtgebiete: Wo beginnt der hedonistische Feminismus? Die Geschichte von der weiblichen Gleichstellung ist noch nicht zu Ende.

Caroline Fetscher

Wo in den Bergen Nord-Albaniens einer Familie der männliche Erbe fehlt, löst man das Problem auf einzigartige Weise. Kurzerhand erklären Eltern eines der Mädchen zum Jungen, oder eine Erwachsene wird durch ihre eigene Deklaration zum Mann. Sie nimmt einen männlichen Vornamen an, aus einer Zhire wird ein Sokol, aus einer Mire ein Kajtaz. In Männerkleidung steht sie dem Haushalt vor, ihr gehört der Hof, sie regelt Vermögensverhältnisse und Familienfehden und darf eine Waffe tragen. Die Verwandlung hat einen Preis: Ewige Jungfernschaft muss sie schwören. So geschieht das nach dem traditionellen Gesetz, dem „Kanun“, seit Hunderten von Jahren, wie die britische Sozialanthropologin Antonia Young in ihrem Buch „Women who become men“ beschreibt. Bei ihrer Feldforschung hatte Young es nicht einfach. „Ich bin ein Mann, und damit hat sich’s. Ich besitze dieses Land und arbeite hart“, reagierte die 66-jährige Haki unwirsch. „Warum stellen Sie mir solche Fragen?“

Diese Vignette aus einem traditionellen Patriarchat illustriert das Dilemma einer Gesellschaft, in der eine Frau als Erbin und Haushaltsvorstand derart undenkbar ist, dass sie eben „ein Mann werden“ muss, um diese Funktionen erfüllen zu können. Sie scheint zugleich zu illustrieren, was die modernen Gender-Studies etwa der radikalen, kalifornischen Philosophin Judith Butler behaupten. „Männlich“ oder „weiblich“, sagt Butler, zentrale Kultfigur des akademischen Postfeminismus, seien soziale Zuschreibungen, nichts weiter als soziale Konstruktionen, auf die sich die Mehrheit in einer Gesellschaft geeinigt hat.

Klassische Feministinnen sehen die Sache eher so: Nicht die Existenz zweier Geschlechter ist das Problem, sondern die Rollen, die ihnen jeweils zugeschrieben werden, auch jetzt noch, wo im modernen Rechtsstaat Mann und Frau vor dem Gesetz gleich sind. Auch in hochentwickelten Rechtsstaaten und Industrienationen wie unserer wird die Frage der Gleichberechtigung heftig weiterverhandelt, etwa in der Debatte um Krippenkinder und Rabenmütter oder um Lohngleichheit und Quoten für Frauen. Symptom für einen nicht abgeschlossenen Prozess ist die Existenz von „Gleichstellungsbeauftragten“ an Behörden oder Hochschulen. Ein weiteres Symptom ist etwa das aktuelle Scharmützel um die Deutungshoheit in der Frage zur Lage der Frauen. Ausgetragen zwischen dem „klassischen Feminismus“ einer Galionsfigur wie Alice Schwarzer und einer neuen Generation, für die sich das Etikett der neuen, selbstbewussten „Alphamädchen“ eingebürgert hat, bewegt diese Debatte die Gemüter der beteiligten Frauen, während manche männliche Zeitgenossen den „Zickenkrieg“ mit Amüsement beobachten. Nein, die Geschichte ist keineswegs zu Ende.

Mann und Frau: Die große, archaische Matrix, auf der Gesellschaften ihre symbolischen und ästhetischen Systeme aufgebaut haben, von der Arbeitsteilung der Geschlechter bis hin zum Arsenal an Göttern oder Geistern, diese alte Matrix löst sich zusehends auf. Seit mit der Französischen Revolution die Menschenrechte erfunden wurden, die zunächst einmal Männerrechte waren, ist die Architektur der Hierarchien und Asymmetrien erschüttert. „Im Namen der Mütter, Töchter und Schwestern“ forderte Olympe de Gouges in Paris 1791 „die Rechte der Frau und Bürgerin“, worauf Männer und Bürger den weiblichen Kopf, der solches erdacht hatte, per Guillotine vom Rumpf trennen ließen. Doch die Frage war in der Welt, und ebenso wie die Standesunterschiede wurden auch die Geschlechterunterschiede nach und nach zur Disposition gestellt. Der Weg zur Frau als Grundrechtsträgerin war auch in den Demokratien danach noch lang – in Dutzenden anderer Staaten und Regionen hat er eben erst begonnen.

Drei Wellen des Feminismus gab es. Während der ersten, Mitte des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, erstritten Suffragetten das Wahlrecht des bis dahin gesellschaftlich minderwertigen Wesens Weib. Nach 1968 rollte, und das weltweit, eine neue, Zweite Welle des Feminismus heran. Dabei ging es um sexuelle Selbstbestimmung, das Austragen oder Abbrechen von Schwangerschaften sowie um formale Chancengleichheiten auf dem Arbeitsmarkt – das Anerkennen von Frauen auf Augenhöhe. Eine neue, die dritte Welle des Feminismus begann, als durch die erste und zweite Woge viele Forderungen eingelöst worden waren. Jetzt scheint alles auf dem besten Weg, unser Land hat Frauen, Macht und Einfluss kompatibel werden lassen.

Überall existieren dafür lebende Beweise in der Politik, im Sport, in Kunst, Kirche und Medien: Angela Merkel, Gesine Schwan, Ursula von der Leyen, Ulla Schmidt, Jutta Limbach, Rita Süßmuth, Margot Kässmann, Alice Schwarzer, Claudia Roth, Andrea Nahles, Pina Bausch, Carla Bley, Rosemarie Trockel, Rebecca Horn, Anne Will, Sandra Maischberger, Maybrit Illner und, und, und. Tausende Frauen sind an Hochschulen, in Verlagen, Industrie und Forschung aktiv. Kickende Frauen gewinnen Titel und werden – auch von Männern – umjubelt. Frauen steuern Lufthansajets und erforschen Tropenwälder oder arktisches Eis. Frauen sind eingewandert bis in die oberen Zonen gesellschaftlicher Sichtbarkeit.

Endlich alles in Ordnung? Keineswegs, dekretiert nicht allein Alice Schwarzer. In den Aufsichtsräten der Konzerne, auf den bestdotierten Lehrstühlen, in den Chefredaktionen finden sich allemal noch an die neunzig Prozent Männer an den Hebeln, um die es geht, wo jemand wie der „Bahnchef Mehdorn“ die Weichen stellt. Noch immer, so weisen nicht nur die Redakteurinnen von Emma, der vor dreißig und einem Jahr von Schwarzer gegründeten Zeitschrift, nach, geht auf die Konten der Frauen bei gleichrangiger Tätigkeit im Durchschnitt weniger Gehalt ein. Vieles sei besser geworden, ja, ist auch in der Emma zu lesen, doch ihre Hintergrundberichte etwa zur wirtschaftlichen Situation des weiblichen Bevölkerungsanteils bieten keinen Anlass, die Alarmglocke als dekoratives Souvenir ins lila Regal zu legen.

Selbst wenn sie die Faktenbasis dieser Fraktion nicht negieren wollen, formieren sich seit einigen Jahren Gruppen jüngerer Frauen, die sich mit der klassischen Polarisierung zwischen Frau und Mann und dem Dauerhinweis auf die Unterdrückung der Frauen nicht identifizieren mögen. „Neofeministische Abwehr des Opferfeminismus“, tauften zwei Autorinnen des Magazins Freitag dieses Strategem, für das etwa die „Alphamädchen“ eitreten, die nicht nur erklären, dass Alice Schwarzer nun mal so alt wie ihre Mutter und die Zeit für einen Generationenwechsel an der Frauenfront reif sei. Drei Journalistinnen zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl, erfanden das Wortspiel „Alphamädchen“ für ihren Buchtitel als Antwort auf den Begriff „Alphamännchen“ – dass die jungen Frauen sich dabei in die Kategorie „Mädchen“ einlassen, verstehen sie ironisch, und Ironie gehört zu ihrem Programm. Sie wollen einen Feminismus, aber einen ohne Klagesound.

So radikal wie Judith Butler, die „Geschlecht“ (Gender) nicht als anatomische Gegebenheit auffassen will, wollen diese Frauen gar nicht sein, vielleicht, weil ihr inspirierender, produktiver Ansatz eine gewisse Weltferne aufweist, und im Extremfall zur Sache der Chirurgen oder der Reproduktionstechnologen, die an Umbau oder Befruchtung von Körpern verdienen.

Nein, die „Alphamädchen“ wollen, wie Gitte einst sang, alles. Sie wollen weiblich sein, Sexualität mit Männern leben, Erfolg im Beruf haben, Mutter werden. „Viele halten Feminismus für hässlich, spaß- und männerfeindlich, ironiefrei und unsexy“, erklärte Meredith Haaf in einem Radiointerview. Das alles wollen wir uns natürlich nicht nachsagen lassen, und deswegen streiten die meisten von uns lieber ab, irgendetwas mit ,den Emanzen’ zu tun zu haben.“ Kind und Karriere, Männer und Sexualität, alles ist möglich, rufen die „Girlies“, wichtig sei, sich durchzusetzen anstatt sich aus der Position der Schwäche heraus in der Repression befindlich zu definieren. Ähnlich positioniert sich die junge Erfolgsautorin Charlotte Roche, deren Roman „Feuchtgebiete“ eine halbe Million Mal verkauft wurde. Auf nahezu anrührende Weise oszilliert ihr Werk zwischen infantiler Erkundung der eigenen Körperöffnungen und großspuriger Bekenntnis zur Lust der Protagonistin an männlich besetzten Subkulturdomänen wie Pornographie.

Hedonistisch und attraktiv wollen die Alphamädchen sein, reflektiert aber nicht zergrübelt, „gegen Schlankheitswahn und für Kondome, gegen Alice Schwarzer und für enthaarte Beine, gegen die Entscheidung ,Kind oder Karriere’ und für die Hälfte der Macht.“ Unverkennbar ist das halbe Emma- Programm – besonders bei der Hälfte der Macht – hier lesbar, Streitzone scheint auf den ersten Blick eine Stilfrage zu sein, der inhaltlicher Dissens mit ein wenig Mühe aufgepfropft wird. Mit der Mutter von „Emma“ haben die „Girls“ ein Problem, wie es etwa typisch ist für die Pubertät linksgerichteter Sprösslinge progressiver Eltern, und dessen Formel so lautet: Was Mama sagt ist im Prinzip okay, aber wie sie es rüberbringt, das nervt voll. Mit anderen Worten, hier geht es um Abgrenzung und Identitätspolitik, wie es schon bei dem Programm Punkfrisur statt Hennahaarschopf oder Techno-Töne statt Joan-Baez- Songs aussah. In eine weitere Alpha-Kategorie gehört die Rapperin Rehan Sahin alias „Lady Bitch Ray“, auch Doktorandin an der Uni Bremen. Ihr Label nennt sie „Vagina Style“, Rap sei ihr Leben, sagt sie, „ich möchte die türkische Frau sichtbar machen (…) wir sind echt noch nicht emanzipiert, so, fuck it – ich muss Aufklärungsarbeit leisten, dass alle Arten von Frauen aufhören als Opfer zu leben.“ Ihre als vulgär und pornographisch bezeichneten Texte seien „hundert Prozent innerste Botschaft und null Prozent Provokation“, beteuert Lady Bitch Ray, die sich für ein Cover in schwarzem Lederdress fotografieren ließ.

Nun, Alice Schwarzer, die sich eben erst mit der designierten Emma-Nachfolgerin Lisa Ortgies überwarf, nimmt das nicht gelassen. Ihre Rede beim Erhalt des Börnepreises Anfang Mai in der Frankfurter Paulskirche wurde zu eben der Standpauke, die Pubertierende sich von der Autoritätsfigur insgeheim erhoffen, um ihre Abgrenzung auch als echte erfahren zu können. „So erleben wir gerade die zweite, medial lancierte Girlie- Welle“, sagte Schwarzer dem Publikum, „diese späten Mädchen und Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus sind für ,Fair- trade-Puffs’ und finden, die so genannte ,Sexarbeit’ sei ein Job wie jeder andere, ja, sogar ein vergnüglicher und gut bezahlter. Und sie lieben ,geile Pornos’“ Für die Emma-Gründerin steht fest: „Sie stehen in der direkten Tradition gewisser Linker, von den 68ern bis zu den Grünen.“ Die wiederum hätten „zur Verluderung des Feminismus“ beigetragen.

Am meisten empört Schwarzer der unpolitische bis antipolitische, unempathische Haltung der abtrünnigen „Töchter“: „Wie ganz und gar ungeil es den zwangsverschleierten Musliminnen und den meist aus dem Elend oder gar aus dem Frauenhandel rekrutierten Prostituierten und Porno-Darstellerinnen dabei geht – an diesen Gedanken scheinen die Post-Girlies noch keine Sekunde verschwendet zu haben.“ Sie interessierten sich, moniert Schwarzer, vor allem für ihre ganz persönlichen Belange, sprich: für Karriere und Männer. Hier trifft Schwarzers Kritik komplett ins Schwarze. Was die „Girlies“ für sich propagieren, Experimentieren mit Lust, mit oder ohne Mann und Kind, findet, ob man es für witzig, skandalös oder unappetitlich hält, in genau der Sphäre statt, in der sich eine allgemeine Tendenz zur Entsolidarisierung spiegelt.

Weitaus problematischer aber als die halbintellektuellen „Girlies“ auf diesem Sektor scheinen kulturrelativistische Ansätze, die durch manche Hochschule vermittelt werden, wo Akademikerinnen wie Christina von Braun an der Humboldt-Universität von der Schönheit des orientalischen Schleiers schwärmt, der die zarte Weiblichkeit schütze, während westliche Männer und Frauen in ihrer Skepsis gegen den Schleier schlicht ihr eigenes Fremdes und Anderes auf verschleierte Frauen projizierten.

Werden die „Girlies“ einmal politisch wacher und die alte Mutter Alice gelassener, hätten sie vermutlich mehr gemeinsames Terrain, als sie alle sich im Augenblick träumen lassen.

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