Meinung : All we need is – Love Parade

Auch ohne Avantgarde: Der Techno-Umzug gehört zu Berlin

Gerd Nowakowski

Love rules, behauptete Dr. Motte im Sommer 2003. Eine Love Parade ohne eine der berüchtigten Ansprachen des Vaters aller Paraden ist nicht vorstellbar, das gehört zum Ritual des in die Jahre gekommen Techno-Umzugs. Dr. Motte also stilisierte 2003 die Veranstaltung flugs zur größten Friedensdemo der Welt – den Hunderttausenden war es egal. Die Raver tanzten trotzdem durch. Zum Ritual gehört auch die jährlich wiederkehrende Debatte um die weitere Existenz – immer wieder totgesagt, immer wieder in letzter Minute gerettet. Auch dieses Jahr wieder: Wer will das Gejammer der Paraden-Macher noch hören?

Schluss damit und den Schwamm der Geschichte drüber? Schließlich kommen doch immer weniger Menschen auf die Paradenstrecke rund um die Siegessäule. Im vergangenen Jahr sollen es noch 750 000 Menschen gewesen sein, die sich von den wummernden Bässen der Wagen beschallen ließen. Andere wollen noch weniger Teilnehmer gezählt haben.

Die aktuelle Musik spielt auch in Berlin längst woanders. Während sich in den neunziger Jahren noch die Techno-Avantgarde auf der Straße präsentierte und provozierte, rümpft die musikalische Szene jetzt die Nase über die zur allgemeinen Volksbelustigung verkommene Veranstaltung, die vor allem abenteuerlustige Kids aus der Provinz anzieht.

Doch noch tanzen sie und tragen zusammen mit dem Karneval der Kulturen und dem Christopher Street Day dazu bei, der Stadt die Leichtigkeit des Sommers zu verpassen. Eine solche Marke aufgeben, die inzwischen auch erfolgreiche Ableger von Tel Aviv bis Mexico City gefunden hat? Die tanzende Jugend der Love Parade gehört neben dem Mauerfall zu den Bildern, die weltweit die Menschen mit Berlin verbinden. Das ist ein unbezahlbares Aushängeschild der Stadt – nicht mit viel Geld und keiner ausgefeilten Marketing-Kampagne zu schaffen.

Die Liebes-Parade muss deshalb weiter zu Berlin gehören, auch wenn das Verhältnis zwischen der Landesregierung und den eitlen Organisatoren nie eine Liebesbeziehung war. Das muss auch nicht sein. Falsch war es nicht, dass dem Techno-Umzug vor zwei Jahren der Status einer politischen Demonstration entzogen wurde und die Macher nun die immensen Reinigungskosten tragen müssen. Ein kostendeckendes Geschäftskonzept darf die Stadt von den Veranstaltern schon erwarten – ausgefeilter jedenfalls als jene unrealistischen Erwartungen aus dem Erlös des Getränkeverkaufs, mit denen sich die landeseigene Messe-Gesellschaft 2003 verhoben hat.

Ohne zeitgemäßer zu werden, wird das Event allerdings langfristig nicht überleben. Die Love Parade muss sich modernisieren, damit die Musik wieder einen avantgardistischen Ton bekommt, der junge Leute anzieht und zeigt, dass Berlin den Trend setzt. Denn das gehört zum Kapital der Stadt. Das Musik-Business ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten seit der Vereinigung. Doch ohne die Love Parade wäre Berlin kaum zur musikalischen Hauptstadt der Republik geworden. Hier sind die angesagten Clubs, die kleinen Studios und die wagemutigen Labels, die neuen Bands und die innovativen Sänger. Diese Kultur ist entstanden, ist gewachsen unter anderem durch Dr. Motte, Marusha, West Bam und all die anderen, die vor 15 Jahren aus ihren musikalischen Bastel-Kellern auf die Straße gingen. Das hat den nachfolgenden Generationen von Musikern Mut gemacht, Neues auszuprobieren. Und deswegen sind heute die großen Musik-Konzerne wie Universal in der Stadt, verlegt der Musikkanal MTV seinen Sitz nach Berlin und zieht die Musikmesse Popkomm vom Rhein an die Spree.

Mehr als eine Million Menschen werden wohl nicht mehr kommen, doch um Artenschutz für aussterbende Musik-Saurier geht es nicht. Die Anziehungskraft ist ungebrochen, die größte Party der Welt ist die Parade noch allemal. Die „Jahreshauptversammlung der Clubkultur“, wie Dr. Motte das Techno-Spektakel genannt hat, macht weiterhin einen Teil der Anziehungskraft Berlins aus. Das gehört zur Vielfalt der Stadt. So etwas gibt man nicht auf. Einfach warten auf das Aus für die Love Parade, das kann Berlin sich nicht leisten.

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