Meinung : Alle in Deckung

Klaus Zwickels mühsame Suche nach dem zweiten Gesicht

Ursula Weidenfeld

Immer wenn man denkt, dass es schlimmer gar nicht mehr kommen kann bei der Metallgewerkschaft, setzen die Funktionäre noch einen drauf: Nach der wochenlangen öffentlichen Schlacht zwischen den beiden Vorsitzenden um die Verantwortung für den gescheiterten Streik in Ostdeutschland hatte der scheidende Chef Klaus Zwickel für den Freitag eine Pressekonferenz angekündigt – die er dann kurzerhand wieder absagte. Gewerkschaftschef Zwickel hatte eine persönliche Erklärung für die künftige Besetzung der Spitzenposten geplant – und es sich dann anders überlegt.

Im Prinzip war das eine vernünftige Entscheidung: Denn im Vorstand der IG Metall herrschte ununterbrochenes Entsetzen, als Zwickel seine Absicht kundtat, zuerst öffentlich zu sagen, wen er für die richtige Besetzung der künftigen Metall-Spitze hält, bevor er seinen Vorstand dazu befragt. Das verstößt gegen die Etikette der Gewerkschaft, und es hätte die Aussichten der Zwickel-Kandidaten, am kommenden Mittwoch bei der Vorstandssitzung tatsächlich nominiert zu werden, dramatisch verschlechtert. Nur war es offenbar nicht diese Einsicht, die Zwickel bewogen hat, den Termin abzusagen. Klaus Zwickel hat Probleme, zwei wählbare Kandidaten aus dem Reformerlager zu finden, die geschlossen gegen den zweiten Vorsitzenden, Jürgen Peters, antreten würden.

Es müssen zwei Gewerkschafter sein, die die völlig zerstrittene Organisation wieder zusammenführen können. Die die Mitglieder dazu bringen, wieder an eine Zukunft in der IG Metall zu glauben. Die den tarifpolitischen Schwebezustand in Ostdeutschland zügig beenden, ohne dass dabei die kaum vernarbten Wunden wieder aufbrechen. Es müssen zwei sein, die noch nicht verbrannt sind, die glaubwürdig und ehrlich sind – und vor allem: einig.

Gibt es keine zwei Kandidaten mehr, auf die alle diese Eigenschaften schon auf den ersten Blick zutreffen? Die Organisation, die jahrzehntelang unter allen Verbänden als die professionellste Schmiede für Führungsnachwuchs galt, soll nicht einmal mehr zwei Gesichter haben, die unverbraucht genug sind, um für die 600 Delegierten des vorgezogenen Gewerkschaftstages Ende August wählbar zu sein? Es ist schlimmer: Die IG Metall hat solche Leute, aber sie trauen sich nicht mehr aus der Deckung. Jeder, dessen Name genannt wird, gilt als verbrannt. Insofern ist es zwar vernünftig, dass Zwickels die Erklärung ein paar Tage vor der entscheidenden Vorstandssitzung abgesagt hat – aber eben auch ein weiteres Zeichen für die völlige Zerrüttung der Metallgewerkschaft.

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