Meinung : „Alle Vorwürfe haben sich in Luft aufgelöst“

Stephan-Andreas Casdorff

Er ist einer der Granden der SPD, ach was, der ganzen deutschen Politik, und zugleich einer ihrer größten Grantler: Otto Schily, noch Bundesinnenminister, heute Alterspräsident des Bundestages. Alterspräsident, das soll bei Gott nicht despektierlich klingen, denn wenn der 73-Jährige etwas hasst, dann ist es ein Mangel an Respekt. Das gilt für die Person und mehr noch für das Amt, das er repräsentiert. Immerhin ist er der Verfassungsminister. Und wenn ihn etwas kennzeichnet, dann die Formulierung neulich in einem „Spiegel“-Interview: „Wir im Staat“. Das war nahe dran an: Wir sind der Staat, oder an: Der Staat bin ich. Aber nur beinahe. Doch auch so entspricht das Gesagte dem Selbstwertgefühl des Otto Georg Schily. Ohne ihm zu nahe treten zu wollen.

Übrigens passt auch der zweite Name: Georg. Das war der Drachentöter, und der, der seinen Mantel für Bedürftige teilte. Ein Ritter. Hinter der rauen Schale steckt ein harter Kern, aber auch ein Mann, der Freund sein kann. Dafür ist zwingend notwendig, dass er seine Gegenüber als satisfaktionsfähig betrachtet. Die lässt er dann zu Wort kommen, ansonsten redet er; und Filibuster kann er gut. Zwei Freunde hat er in der alten Regierung: Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Beim Kanzler konnte er sich immer darauf verlassen, dass der ihn nicht desavouieren würde, beim Vize, dass der ihm die Grünen vom Hals halten würde, an den sie ihm manchmal gehen wollten.

Dem einen ist er treu ergeben, dem anderen hält er die Treue. Fischer hat er immer die Tür geöffnet, wenn der privat in der Krise war und Hilfe benötigte. Bei Schröder ist es so: Der hat ihn immer bewundert, schon früher, als RAF-Anwalt und im Fall Flick als inquisitorischer Kohl-Befrager. Auch deshalb hat er ihn ins Amt berufen; neben dem Aspekt, dass Schily die rechte Flanke in einer Weise schloss, die nichtmal der CSU Profilierungschancen gab. Umgekehrt imponiert Schily Schröders Begabung zur Macht und dessen, ja doch, Prinzipienfestigkeit. Darum hat er sieben Jahre für ihn gekämpft, gebellt und gebissen. Und hat dem verehrten Kanzler sogar nachgesehen, dass der im TV-Duell Auskunft gab über die Liebe zu Frau Doris. Diese Passage war Schily zu lang, aber das hat er nur leise geraunzt.

Was von ihm bleiben wird? Die „Otto-Pakete“ gegen den Terror. Und, wenn es so weitergeht, die „Cicero“-Medienaffäre.Ausgerechnet dieser Name. Denn so lautet auch sein Spitzname: Cicero.

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