Meinung : Allein am Zapfhahn

Bisher war Hugo Chavez Revolutionär. Jetzt muss er zeigen, dass er regieren kann

Sandra Weiss

Der Sieger der Präsidentschaftswahl vom vergangenen Sonntag heißt Venezuela. Die politischen Kräfte, die sich seit acht Jahren in unversöhnlichem Hass gegenüberstehen, haben auf den Pfad der demokratischen Auseinandersetzung zurückgefunden:

Die Opposition, die sich nach Putschversuch, Wahlboykott und Generalstreiks auf ein – wenngleich unter ungleichen Voraussetzungen – stattfindendes Kräftemessen an den Urnen einließ und ihre Niederlage im Gegensatz zum verlorenen Abberufungsreferendum vor zwei Jahren noch in der Wahlnacht eingestand. Die Bürger, die ihre Differenzen beiseite legten und am Sonntag einhellig und ungeachtet der jeweiligen politischen Präferenzen in den Wahllokalen zusammenarbeiteten, um einen möglichst reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Und auch die Regierung, die zwar ihre mit Petrodollars gut geölte Wahlkampfmaschinerie voll zum Einsatz brachte und damit der Opposition noch ein paar Prozentpunkte mehr abrang, aber letztlich davon Abstand nahm, den von ihr kontrollierten Wahlrat allzu sehr zu gängeln und Wahlbeobachter aus aller Welt zuließ.

Wünschenswert wäre, dass die moderaten Kräfte auch weiterhin die Oberhand behalten. Doch sicher ist dies nicht. In der Opposition ließen sich am Sonntag die altbekannten „Betrug“-Stimmen vernehmen, die Wahlverlierer Manuel Rosales in die Konfrontation treiben wollten – worauf sich der Gouverneur des Erdölstaates Zulia jedoch nicht einließ.

Gefährlicher aber noch als die doch sehr dezimierten Radikalen der Opposition dürfte in Zukunft Hugo Chavez’ politische Übermacht werden. In seiner berauschten Siegesrede fanden seine Gegner – die immerhin mehr als ein Drittel der Bevölkerung repräsentieren – keine Erwähnung. Seine sozialistische Revolution hat nun freie Bahn. Alle Institutionen und Geldquellen befinden sich in der Hand von „Chavistas“. Wenn Chavez mit dieser Übermacht nicht sorgsam umgeht, könnte sie sich rasch gegen ihn wenden.

Schon jetzt wächst der Unmut an der bisher mit großzügigen Geschenken und Versprechen bei Laune gehaltenen Basis. Korruption, Ineffizienz, Kriminalität und Werteverfall sind die Zeitbomben, die dort lauern. Und nun ist Chavez die „Putschisten-Oligarchen- Opposition“ als Sündenbock abhanden gekommen. Noch bleibt ihm der „Teufel“ George W. Bush – doch auch dessen Amtszeit neigt sich dem Ende. Und dann wird es schwieriger, die bolivarische Misswirtschaft anderen in die Schuhe zu schieben.

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