Alles Protestanten : Vom Zucken alter Reflexe

Von Amerika bis zur CDU: Kulturell-moralischer Konservativismus ist nirgendwo im Westen noch mehrheitsfähig. Stattdessen wird eine liberale protestantische Gesinnung zum Leitideal.

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Drei Meldungen dieser Tage. Die erste: Alle protestantisch geprägten Länder dieser Welt – von Amerika bis England, Skandinavien, den Niederlanden und Australien – finden sich im Ranking von Transparency International unter den Top 20 der am wenigsten korrupten Staaten. Die zweite: In der Funktionselite der CDU, deren Fundament einst rheinisch-katholisch war, ballen sich erneut die Protestanten. Ob Parteivorsitzende oder Fraktionsvorsitzender, Generalsekretär oder die Mehrheit des Präsidiums: Die schleichende Machtübernahme ist fast abgeschlossen. Die dritte: Bundespräsident Joachim Gauck, ein ehemaliger protestantischer Pfarrer, der eine Lebensgefährtin hat, die nicht seine Ehefrau ist, besucht Papst Benedikt XVI. im Vatikan. Die Privataudienz dürfte unkompliziert verlaufen.

Man mag der Meinung sein, Religion werde unwichtiger in einer säkularen Welt. Gemessen am Grad der Kirchenbindung stimmt das auch. Doch auf kulturell-moralischer Ebene vollzieht sich ein Wandel, der ohne Rückgriff auf unterschiedliche Glaubenstraditionen kaum erklärbar ist. Das protestantische Weltbild, das aus europäischer Perspektive heute politisch eher links als rechts verortet werden kann, dominiert über katholisch-konservativen Dogmatismus. Ethische Fragen überlassen die Gesellschaften immer mehr der Selbstbestimmung des Einzelnen.

Ob Abtreibung, Ehe, Familie, Homosexualität oder Sterbehilfe: Die Kategorien von Richtig und Falsch verblassen. Angela Merkel beteuert zwar die Verwurzelung ihrer Partei im christlichen Menschenbild, aber sie meint damit vor allem Tugenden wie Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Verantwortung, nicht aber ethische Rigorismen. Das entspricht der globalen Tendenz. In den USA wurde bei der vergangenen Wahl erstmals in drei Bundesstaaten die gleichgeschlechtliche Ehe per Volksentscheid legalisiert sowie in zwei Bundesstaaten der Konsum von Haschisch. Republikaner, die sich zu radikal zur Abtreibung geäußert hatten, kamen nicht in den Senat.

Kulturell-moralischer Konservativismus ist nirgendwo im Westen noch mehrheitsfähig. Auch in Großbritannien zogen die Tories erst wieder in die Downing Street ein, nachdem sie sich vom Margaret-Thatcher-Erbe verabschiedet hatten. Hingegen erobert die liberale protestantische Begrifflichkeit immer weitere Räume. Ehrliches und nachhaltiges Wirtschaften, Gerechtigkeit, Emanzipation und Gleichheit. Besonders in Deutschland führt das, wie in den Fällen Guttenberg und Wulff gesehen, zu einer Rigidität im öffentlichen Urteil, die in überwiegend katholischen oder christlich-orthodoxen Ländern kaum denkbar wäre.

Merkel liegt also voll im Trend. Ihre Neudefinition des Konservativen, die sich primär um Werte wie Sparsamkeit, Arbeit, Fleiß und Verlässlichkeit rankt, ist zwar vom Anspruch her reduziert, entspricht aber dem libertären Zeitgeist. Das Feld der persönlichen Moral überlässt sie künftig den Toleranzverfechtern. Dass die CDU auf ihrem Parteitag eine steuerliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften abgelehnt hat, beweist nicht das Gegenteil, sondern nur, dass alte Reflexe ein letztes Mal zucken können.

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