Meinung : Alligatoren

Ingo Wolff

Jetzt kann man es ruhig sagen. Als Jungs hatten wir Anfang der achtziger Jahre furchtbare Ehrfurcht vor unserem Schulklo. Ein Alligator machte damals die Kanalisation Berlins unsicher. Bei jedem Besuch auf dem Örtchen hatten wir Angst vor einem Biss. Keiner von uns kannte die Quelle der Geschichte. Ein ebenso ungutes Gefühl beschlich uns, wenn wir durch einen dunklen Hinterhof in Kreuzberg mussten. Überall konnten wir gepackt und betäubt werden, später aufwachend in einem unbekannten Raum in einer Eisbadewanne, mit einer frisch genähten Wunde im Rücken. Unserer Organe beraubt, die sich längst über die Mauer hinweg in Osteuropa befanden. All diese Legenden der Großstadt mochten wir nicht recht glauben, beschäftigt haben uns diese Geschichten trotzdem. Auch Bernd Harder haben sie beschäftigt, so sehr, dass er ein „Lexikon der Großstadtmythen“ schreiben musste: eine wilde Zusammenstellung von wissenschaftlichen Kurzstücken. Leider ist das Buch nur so spannend geschrieben wie der Erklärteil eines Telefonbuchs. Fast alle Texte sind zu kurz, um wissenschaftliche Beweiskraft zu haben. Selbst die Themenvielfalt – von außerirdischen Besuchern auf der Erde bis zu Sexmythen – hat wenig Esprit. Auch wenn wir heute über die Alligatoren in Berlins Unterwelt lachen, können künftige Generationen getrost ohne Harders Aufklärung groß werden.


Dieses Buch bestellen Bernd Harder: Das Lexikon der Großstadtmythen. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main. 423 S., 19,90 €.

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