Meinung : Als Deutschland im Wilden Westen lag

Pascale Hugues, Le Point

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1977. Für uns, die französischen Jugendlichen, begann der deutsche Herbst auf der anderen Seite der Rheinbrücke, die wir mit unseren Velosolex überquerten, wenn wir nach Kehl ins Schwimmbad fuhren. Von den Fahndungsplakaten an den Fenstern der Zollbaracken warfen die Terroristen der RAF uns bedrückte Blicke zu.

Sie erinnerten mich an Billy the Kid und andere „Wanted“-Banditen, die ich aus den Abenteuern von Lucky Luke kannte. Plötzlich erschien mir das träge BadenWürttemberg gefährlich wie der Wilde Westen. Heute erkennt man in dem abgezehrten Gesicht des früh gealterten Gefangenen, das wir in der Zeitung sehen, nur mit Mühe den langhaarigen und finster dreinschauenden jungen Weltverbesserer, der uns vor 30 Jahren beobachtete, wenn wir in Kehl einfuhren. Mit uns hatte der deutsche Herbst nichts zu tun, wäre Hanns Martin Schleyers Leiche nicht im Kofferraum eines Audi gefunden worden, der in der Rue Charles Péguy in Mühlhausen, wenige Kilometer von Straßburg entfernt, geparkt war, hätte die Geschichte uns kaltgelassen.

Für Frankreich ist 1977 ein eher entspanntes Jahr. Das Centre Pompidou wird eingeweiht, das Pompidoleum, wie jene es nennen, denen das Mausoleum zum Ruhm des verblichenen Präsidenten ein Dorn im Auge ist. Das Jahr, in dem Jacques Chirac zum Bürgermeister von Paris gewählt wird. Eine große friedliche Demonstration gegen den Bau des Schnellen Brüters Superphénix in Creys-Malville, eine Kundgebung gegen den Truppenübungsplatz von Larzac.

Im Vergleich zu Deutschland alles ziemlich harmlos. Giscard ist mit Helmut Schmidt im siebten europäischen Himmel. Im Kino Vox sehen wir Truffauts Film „Der Mann, der die Frauen liebte“, und wir singen „Toi et le soleil“. Für das gegen die Polizei gerichtete Graffito „CRS-SS = Arschficker“ bekommt ein junger Mann zwei Monate Gefängnis. Am 20. Oktober 1977 titelt „Libération“ „Das Geheimnis der ,Selbstmorde‘ der RAF-Mitglieder im Stuttgarter Gefängnis“ und erinnert an Sartres Besuch in Stammheim einige Jahre zuvor. Die Geschichte auf der deutschen Seite war entschieden turbulenter als unsere.

Ich konnte einfach nicht verstehen, warum unter der glatten Oberfläche eines so reichen, so ordentlichen Landes, das sich in seinem Wohlstand behaglich eingerichtet hatte, eine derart unheimliche Gewalt brodelte. Im Herbst 1977 kam meine Stuttgarter Brieffreundin zu Besuch, ein kräftiges Mädchen, das schnell errötete. Eingerahmt von ihren Eltern erschien sie eines Sonntagnachmittags bei uns. Sie hieß Sabine. Sie war 20 Zentimeter größer als ich. Sie trug ein geblümtes Kleid, ich geflickte Bermudajeans. Sie liebte Mireille Mathieu und Schwarzwälder Kirschtorte. Ich verehrte Jacques Brel und graues makrobiotisches Essen. Schweigend hatten wir eine Limonade getrunken, in einem Straßencafé vor dem Münster. Sabine hatte über die Gefangenen von Stammheim gesprochen. „Hunde!“ hatte sie geschrien. Ihre Stimme zitterte vor Zorn. Sabine fuhr mit ihren Eltern wieder ab. Wir haben uns nie mehr geschrieben. Sabine war nicht meine Wellenlänge. Und die Tatsache, dass ich keinen Zusammenhang zwischen Sabines sattem und Christian Klars zerrissenem Deutschland sehen konnte, war vielleicht der Grund dafür, dass ich dem so nahen Land den Rücken kehrte und stattdessen die Fähre nahm: zur Carnaby Street, zu den afghanischen Ziegenfellmänteln, dem Patchouli und den Straßen von Soho, in denen es so viel freier zuging als in denen von Kehl.

Erst viel später, weit weg von der deutsch-französischen Grenze, nach einem dieser merkwürdigen Umwege, durch die das Leben uns manchmal führt, ohne dass wir uns dessen bewusst wären, habe ich in London die „Bleierne Zeit“ wiedergefunden. Im National Film Theater lief eine Retrospektive des deutschen Films. Dort sah ich die Filme von Margarethe von Trotta und von Volker Schlöndorff, wenige Tage bevor ich als Korrespondentin der „Libération“ nach Deutschland aufbrach. Ich wollte mir eine Vorstellung von dem Land machen, in dem ich aus freien Stücken leben würde. Als ich aus dem Kino trat, prasselte der Regen auf die Themse. In jenem Jahr war der Sommer in England ebenso grau wie der Herbst 77 in Deutschland.

Ich war noch nicht in meinem Adoptivland angekommen, doch nun endlich begann ich, dieses schwere Kapitel seiner Geschichte zu verstehen, mit dem es sich heute wieder konfrontiert sieht.

Übersetzt von Elisabeth Thielicke. Ab sofort finden Sie Pascale Hugues’ Kolumne im französischen Original auf www.tagesspiegel.de.

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