Meinung : Als Klaus Speer in der Bleistreustraße noch Iraner ummähte

Roger Boyes, The Times

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Bei der MetropolisKonferenz gab es viel Bewunderung für Klaus Wowereit. Er hatte es auf das Cover der internationalen Ausgabe von „Time“ geschafft und schien im strengen Layout des Magazins (unverändert seit den 30er Jahren, als „Sie-wissen-schon-wer“ zum Mann des Jahres gekürt wurde) am Kopf einer Meute von hungrig aussehenden Bürgermeistern zu stehen.Er sah wie George Clooney als Kopf von „Ocean’s 11“ aus oder Yul Brunner, der den Weg zu den „Glorreichen Sieben“ wies – ein wahrer postmoderner Held. Natürlich hat niemand den Artikel gelesen, der weniger schmeichelhaft war als das Bild. Und dann gab es noch die Neuigkeit, dass unser Regierender Bürgermeister zehn Kilo abgenommen hat, was gar zum Aufmacher der „BZ“ wurde. Trennkost. Niemand hat nachgefragt, wie viel er vorher gewogen hat, ein sicheres Zeichen dafür, dass die Geschichte von seinem eigenen Büro gesteckt wurde. Und das war dann, soweit ich sehen kann, Wowis Arbeitswoche.

„Ziemlich beeindruckender Typ“, sagte der britische Metropolis-Delegierte im Lubitsch und trank einen Schluck Kaffee. Draußen ging eine kleine Gruppe von Turnfestfans in einer gut organisierten Phalanx die leblose Straße herunter in Richtung Savignyplatz. Der britische Bürgermeister, bis zum Mark Politiker, hob seine Hand zum Gruß. Die Turnfestbesucher antworteten mit synchronisiertem Winken.

„Und was erstaunlich ist“, sagte er und wandte sich wieder mir zu, „wie sicher er Berlin wieder gemacht hat“. Das brachte mich ins Grübeln. Das Geheimnis von Wowereits Erfolg ist, dass ihm niemand wichtige Fragen stellt. Wenn Dinge gut laufen, wird angenommen, Wowereits verborgene Hand stecke dahinter. Wenn es schlecht läuft für die Stadt, werden andere Gründe gefunden. Die meisten Politiker werden von unmöglichen Forderungen und Erwartungen erdrückt – jeder will etwas von ihnen. Aber niemand scheint irgendetwas von Wowi zu wollen oder zu erwarten. Er ist, so scheint es mir, zu einem ziemlich faulen Mann geworden.

Nehmen wir zum Beispiel die Idee, dass Berlin eine sichere Stadt ist. Ich bin alt genug, um mich an Zeiten zu erinnern, als die Bleibtreustraße Bleistreustraße genannt wurde. Damals mähten von Klaus Speer angestellte Gangster im Chicago-Stil eine Bande von Iranern im Kampf um das Rotlichtviertel von Charlottenburg um. Das war vor 35 Jahren. Die Iraner wurden später von Libanesen und Kurden ersetzt. Die organisierte Kriminalität starb nicht aus. Wer heute ein konkurrenzfähiges, billiges Internetcafé aufmacht, wird schnell Besuch von freundlichen Russen oder Georgiern bekommen, die vorschlagen, höhere Gebühren zu verlangen. Aber das gewalttätige Berlin ist dreister geworden. Ich bin schließlich nicht blind. Die Dealer am Kotti und am Südstern, die donnerstägliche Drogenverteilung am Ku’damm nahe der Schaubühne, der Park, in dem Bodybuilder ihre Steroide kaufen: normaler Stadtverkehr. Aber Berlin ist wirklich sicherer geworden. Wie Wowi selbst ist die Stadt umfangreich (wenn auch ein bisschen dünner), bekannt, langsam, partyverrückt und überhaupt nicht gefährlich.

Berlins Mordrate ist beschämend niedrig im Vergleich zu Macho-Städten wie Rom, London, Amsterdam, Paris, Marseille und Neapel. Ok, es gibt Kannibalismus, aber nur in Neukölln. Aber das Auf und Ab städtischer Gewalt ist komplex und ich denke, dass die Politik des Senats damit wenig zu tun hat.

Der richtige Maßstab für eine kluge Stadtregierung ist, ob sie Probleme voraussieht. Ich habe gerade eine Berliner Lehrerin getroffen, die erzählte, dass sie vor kurzem zweimal fremde Männer vertreiben musste, die sich in den Gängen ihres Gymnasiums rumtrieben. Sie hatte wenig Zweifel daran, dass es sich um Pädophile handelte. Ihre Schule, wie die meisten in Berlin, war offen. Eine andere Schulleiterin erzählte mir von einem Dealer, der seine Aktentasche voller Drogen mit ins Klassenzimmer brachte.

Ich hoffe, Berlin geht niemals den Weg Londons, wo Eltern die Polizei anrufen, wenn sie auf dem Spielplatz einen Mann sehen, der eine Zeitung liest. Weltweit gibt es eine Hysterie über mögliche Gefahren für Kinder. In London abonnieren Eltern Phonetrack, ein System, dass über einen Navigationssatelliten ihre Kinder lokalisieren kann. In New York informiert die Firma „Teen Arrive Alive“ Eltern alle zwei Minuten über den Aufenthaltsort ihrer Kinder und wie schnell sie gerade fahren. Die Information wird über das Handy des Teenagers ermittelt und den Eltern über SMS zugeschickt. Eine Schule in Tokio schickt Eltern jedes Mal eine SMS, wenn ihr Kind einen Bus betritt oder verlässt.

Wir brauchen diese Art von Paranoia in Berlin nicht. Aber wir brauchen einen Senat, der weniger selbstzufrieden ist. Ja, die Kriminalitätsraten sind niedrig. Aber Kinder und alte Leute sind verletzlich. Die jüngsten Zahlen über Kindesmissbrauch in Berlin sind erschreckend, schlimmer als an den meisten anderen Orten in Deutschland. Berlin ist immer noch ein ziemlich angenehmer Ort für Kinder – aber wie lange noch?

Der Senat sollte, statt schlafzuwandeln, Schulen dabei helfen, misshandelnde Eltern zu identifizieren und die Sicherheit auf dem Schulgelände zu verbessern. Der Maßstab für einen effizienten und aktiven Bürgermeister ist, ob er zuhört, entscheidet und dann im Interesse der schwächeren Einwohner dieser Stadt aktiv wird. Ich glaube, Klaus Wowereit ist schwerhörig geworden.

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