Meinung : Alt, jung und ganz jung in einem Bienenstock

Mehrgenerationenhäuser eröffnen neue Chancen für das Gemeinwesen Von Ursula von der Leyen

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Familienstrukturen ändern sich. Von der Großfamilie, die in der Agrargesellschaft oft den ganzen Hof umfasste, reicht die Entwicklung bis zur bürgerlichen Familie der Industriegesellschaft mit strikter Trennung des Arbeitsalltags vom Familienalltag. Immer entstanden Familienformen, die am besten zu den Bedingungen in Gesellschaft und Wirtschaft passten – und damit war gesichert, dass Familienwerte weitergegeben wurden unter veränderten Rahmenbedingungen.

Wir könnten heute ideale Rahmenbedingungen aussehen, unter denen Familienwerte lebbar sind? In einer Gesellschaft, die hohe Mobilität und Flexibilität verlangt, haben einerseits Familienwerte Konjunktur. Familie wird als zuverlässigstes soziales Netz wahrgenommen. Doch gleichzeitig ist die Kernfamilie vielfach zu klein geworden für ihre großen Aufgaben.

Von den Vier- und Fünfjährigen wachsen knapp 30 Prozent ohne Geschwister auf. Bei den Sechs- bis Fünfzehnjährigen bleiben immerhin 20 Prozent geschwisterlos. Doch Kinder brauchen andere Kinder. Zanken, versöhnen, verhandeln, nachgeben, teilen, durchsetzen – all das lernen Kinder am besten untereinander.

Frauen wollen heute selbstverständlich erwerbstätig sein. Väter entwickeln ein neues Rollenverhalten. Das Alter etabliert sich als eigenständige Lebensphase jenseits des „Ruhestands“. Mit veränderten Familienstrukturen schwinden auch selbstverständliche Begegnungen der Generationen. Großeltern, Onkel und Tanten wohnen – wenn es sie überhaupt gibt – oft weit entfernt. Super-Nannies können über den Bildschirm nur unzureichend ersetzen, was früher wie von selbst an Erziehungswissen und Alltagskompetenzen weitergegeben wurde.

Aus diesem Grund habe ich ein bundesweites Aktionsprogramm ins Leben gerufen. Seit November wurden bereits die ersten von 439 Mehrgenerationenhäusern eröffnet. In Mehrgenerationenhäusern treffen sich tagsüber Menschen aus unterschiedlichen Motiven. Sie reichen von der Hausaufgabenhilfe für Schüler bis zur Selbsthilfegruppe von Angehörigen Demenzkranker, die Tischlerwerkstatt der Senioren tauscht Fertigkeiten mit den Jugendlichen vom Internetcafé, die Deutschkurse für Mütter mit Migrationshintergrund nutzen die Kinderbetreuung in der Krabbelgruppe. Es geht darum, das Prinzip des Gebens und Nehmens in der Großfamilie, das dafür gesorgt hat, dass Alltagssolidaritäten, Kulturtechniken und Erfahrungswissen ausgetauscht und damit lebendig gehalten werden, in moderne Strukturen zu übertragen.

Die Wurzeln dieses Konzepts liegen in den Initiativen, Selbsthilfegruppen und Mütterzentren, die vor rund dreißig Jahren entstanden. Gemeinsam war und ist ihnen die Idee, dass sich Menschen selbst organisieren und helfen. Jeder und jede kann etwas beitragen. Dieser Ansatz bringt auch einen Perspektivwechsel mit sich: Familien werden nicht länger als eine soziale „Randgruppe“ wahrgenommen, die eines besonderen Schutzes bedarf. Familien rücken in die Mitte der Gesellschaft und sind öffentlich sichtbar. Auf diese Weise kann auch gefährdeten Familien besser geholfen werden. Sie erfahren, dass sie selbst etwas bewirken können.

Offenheit ist der Schlüssel zum Erfolg eines Mehrgenerationenhauses: Hier treffen sich Gleichgesinnte. Aber sie treffen auch auf Mitmenschen, die man sonst nicht so leicht unter einem Dach findet. Wenn sich die Krabbelgruppe und der Seniorenkreis im selben Haus treffen, dauert es meist nicht lange, bis erste Gespräche entstehen und Kontakte geknüpft werden. Auf diese Weise schlägt man Brücken zwischen sehr verschiedenen Gruppen, zwischen Alt und Jung, zwischen Einheimischen und Migranten, auch zwischen Profis und Laien.

Mehrgenerationenhäuser sind eine Antwort auf die Frage: Wie wollen wir künftig zusammenleben? Es geht um Zusammenhalt. Es geht um die lebenswichtige Gewissheit, dazuzugehören, gebraucht zu werden, eine Aufgabe zu haben.

Egoismus und Individualisierung, so sagen viele, hätten zu einem Verlust an Gemeinsinn geführt. Mehrgenerationenhäuser stellen diese kulturpessimistische These gleichsam auf den Kopf: Es liegt nicht an den Menschen, sondern am Fehlen einladender Gelegenheiten, dass vorhandene Potenziale nicht realisiert werden.

Noch nie in der Geschichte gab es so viele ältere Menschen. Noch nie waren sie so gesund und so gebildet. Wer heute 65 ist, hat im Schnitt noch 16 bis 20 Lebensjahre vor sich. Das ist ein gewaltiges soziales Kapital unserer Gesellschaft – ein Kapital allerdings, das noch allzu oft brachliegt. Das betrifft auch die wachsende Zahl älterer Kinderloser, die Zeit und Erfahrung geben wollen, aber dafür keine Gelegenheit finden.

Die moderne Glücksforschung konnte eindrucksvoll nachweisen, dass Glück und Zufriedenheit der Menschen nicht unbedingt von ihrem Einkommen abhängen, sondern vielmehr von ihren zwischenmenschlichen Kontakten und dem sozialen Netz, das uns umgibt.

Mehrgenerationenhäuser sind freundliche, attraktive Orte, in die man gerne geht. Sie sind keine sozialen Einrichtungen, deren Besuch stigmatisierend wirkt. Mehrgenerationenhäuser strahlen die geschäftige Atmosphäre eines Bienenstocks aus – voller Aktivität und Kommunikation. Der Honig, den sie produzieren, sind menschliche Beziehungen, die Weitergabe von Kulturwissen und unentgeltliche Hilfe untereinander.

Ob sich junge Menschen für die Gründung einer Familie entscheiden, hängt auch vom gesellschaftlichen Klima ab. Je verlässlicher wir das Netz um Familie knüpfen, desto eher finden junge Menschen Mut, Kinder zu haben. Damit können unter modernen Bedingungen Familienwerte gelebt werden.

Die Autorin ist

Bundesministerin für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend.

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