Alte Försterei : Ist es denn nur ein Spiel?

Fußball ist eine Sache der Tradition: So eisern wie verzweifelt kämpft der 1. FC Union um sein Heimatstadion.

Lothar Heinke

W enn, wie letztens, ihre Namen aus den Lautsprechern sprudeln, dann pfeifen die Leute erbarmungslos: Wowereit. Sarrazin. Körting. Härtel. Wie sie schon einmal gepfiffen haben, als sich vor der letzten Wahl plötzlich der Kandidat Pflüger ins Stadion An der Alten Försterei in Berlin- Köpenick verirrt hatte. Ist das klug, dieses Pfeifkonzert wider die Obrigkeit? Vielleicht nicht.

Aber ehrlich. Das verschworene Kollektiv der Anhängerschar des 1. FC Union, dieses Fußballklubs aus der Regionalliga Nord, hat nie aus seinem Herzen eine Mördergrube gemacht. Nicht zu Zeiten, als die „Sicherheitsorgane“ den Unionern ihre kleinen Frechheiten schwer verübelten. Und erst recht nicht heute, da man lauter denn je sagt, was man denkt. Und im Moment denken sie nicht gerade nett über Berlins Politik.

Denn ihr Klub, in dem manche ihr St. Pauli im Ballhaus des Ostens, zumindest aber Berlins zweite Fußballmacht sehen, ist im Begriff, ins Abseits gepfiffen zu werden. Steigt Unions neue Erfolgsmannschaft in die Dritte oder Zweite Bundesliga auf, steht sie ohne eine vom Fußballbund für würdig befundene Bühne da. Die Alte Försterei ist zwar das einzige reine, altehrwürdige Fußballstadion der Stadt, ein Ort, wo sich die Leute auf den Stehrängen noch schreiend in den Armen liegen, wenn ein Tor fällt, wo Atmosphäre im Billett inbegriffen, das Bier preiswert und die Bratwurst lecker ist.

Aber leider: etwas renovierungsbedürftig. Weder der Bezirk Köpenick noch die Stadt haben jahrelang etwas für ihr Eigentum getan, sie haben die gute Stube wie eine Besenkammer behandelt. Der Klub hat mit seinen Fans notdürftig Staub gewischt, für sie ist die Alte Försterei Volkseigentum, ist Heimat, Bühne, Kirchenschiff. Und nun sehen alle alt aus: Etwas muss geschehen. Mutter, der Mann mit dem Koks ist da – aber wer? Und woher?

Blauäugig hatten alle an den Deal geglaubt, dass der Senat das Stadion für einen Euro verkauft, damit es der Klub für 17 Millionen modernisiert. Konnte denn niemand ahnen, dass die EU nicht mitspielt? Statt vorsichtshalber Mittel einzuplanen, hat der Senat keinen Cent für seine Försterei übrig. Er verweist auf den Jahn-Sportpark und nimmt in Kauf, dass ein weiteres Stadion dieser sportbegeisterten Stadt vom Gras und Unkraut der Interesselosigkeit überwuchert wird. Gut, besser an der Cantianstraße in der Zweiten Liga spielen statt in Köpenick in der Vierten – aber das kann ja nur der Anfang und die Ausnahme sein.

Was immer gefehlt hat und auch jetzt wieder fehlt, ist nicht nur das Geld, sondern auch so etwas wie inneres Feuer, das da in den politisch Verantwortlichen im Bezirk und Senat brennen sollte, wenn es um dieses Thema geht. Fußball, bei Unions Alter Försterei zumal, ist eine Sache der Tradition, der Herzen und Emotionen. Sie treibt die Mannschaft an und peitscht die Gefühle, daran sollten sie denken, die Herren, wenn sie auf dem Krisengipfel in Sachen Alte Försterei Entscheidungen treffen. Unioner können nicht nur Politiker auspfeifen – sie könnten sie auch auf Schultern durch ihr Stadion tragen.

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