Althaus, Tillich & Co. : Politik nach Ost-Art

Drei Landtagswahlen stehen in ostdeutschen Bundesländern in diesem Jahr noch an: In Dresden, Erfurt und Potsdam dürfte der alte auch der neue Ministerpräsident sein. Das hat viel mit ostdeutschen Befindlichkeiten zu tun, wo ein Angriff auf "unseren Mann" auch als Angriff auf "unsere Biografie" empfunden wird.

Matthias Schlegel

Drei Landtagswahlen stehen in ostdeutschen Bundesländern in diesem Jahr noch an: in Sachsen und Thüringen in drei Wochen, in Brandenburg am Tag der Bundestagswahl, dem 27. September. In allen drei Fällen dürfte, wenn nichts Grundstürzendes mehr passiert, der alte auch der neue Ministerpräsident sein. Stanislaw Tillich in Dresden, Dieter Althaus in Erfurt, Matthias Platzeck in Potsdam.

Zumindest in zwei Fällen war das vor ein paar Monaten durchaus nicht so klar. Als Tillich im Herbst vergangenen Jahres mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, er habe in Fragebögen zu seiner Person die DDR-Biografie geschönt, wankte sein Stuhl beträchtlich. Da war er gerade einmal ein halbes Jahr als Milbradt-Nachfolger im Amt und das persönliche Krisenmanagement über die Maßen unausgereift.

Der andere, Althaus, machte als Skifahrer am Neujahrstag auf der Riesneralm in Österreich einen kapitalen Fehler und prallte mit einer 41-jährigen Frau zusammen, die den Unfall nicht überlebte. Lange Zeit war fraglich, ob der damals 50-jährige CDU-Politiker nach seinem schweren Schädel-Hirn-Trauma überhaupt in sein Amt zurückkehren könne. Als das Gericht ihn überdies wegen fahrlässiger Tötung verurteilte, sah mancher die politische Karriere des einstigen Lehrers am Ende.

Sie sind aber immer noch da. Und glaubt man den Umfragen, haben Tillich, Althaus und ihre Partei, die CDU, bei der Wahl keine Einbrüche zu befürchten. Im Gegenteil, der vermeintliche Malus, der ihnen bei Bewertungen in den Medien vorausgesagt wurde, scheint sich in einen Bonus beim Wahlvolk zu wandeln.

So schwer das zu verstehen ist – es hat wohl mit spezifischen ostdeutschen Befindlichkeiten zu tun, auch mit Erwartungen an und dem Verständnis von Politik. Die Klammer all dessen ist eine Art alltagstauglicher Pragmatismus. Dem ist wadenbeißerischer Parteienstreit fremd, und er stellt landsmannschaftliche Verbundenheit im Zweifelsfall über politische Korrektheit nach westlichem Verständnis. Weil das so ist, ist aus Rot-Rot in Ostdeutschland mehr als ein Experiment geworden. Weil das so ist, arbeiten große Koalitionen im Osten so geräuschlos. Weil das so ist, bringt der Osten solch ein unangepasst-sympathisches Urgestein wie Wolfgang Böhmer in Sachsen-Anhalt hervor.

Von solchem Befund führt, wie sollte es anders sein, eine direkte Linie zur Bundeskanzlerin. Was Angela Merkel so oft als Schwäche ausgelegt wird – ihre Unentschiedenheit, das Abwägende, das Nichteinmischen –, erweist sich in der Langzeitbeobachtung als Stärke. Darin steckt weniger Taktik als vielmehr Anlage, Sozialisation.

Nicht wenige sehen darin eine erschreckende Verostung des Westens. Der Befund mag stimmen, doch die Bewertung nicht. Längst hat sich ostdeutsches Politikverständnis mit seinen Stärken wie mit seinen Makeln selbstbewusst etabliert. Dazu bedurfte es keines Solidarpaktes und keiner Ossi-Personal-Quote. Die Linkspartei ist vom Schmuddelkind zum politischen Faktor geworden. Das mag mancher als Verfall der politischen Kultur empfinden. Aber auch das ist Demokratie.

Was heißt das für Tillich und Althaus? Natürlich ist da – neben einer bemerkenswerten Geschmeidigkeit der Protagonisten – noch viel Vergangenheit im Spiel. Die Medien, die Althaus und Tillich über Monate hinweg zum Thema machten, sind im Bewusstsein der Ostdeutschen noch immer westdominiert. Die Skandalisierung von Verfehlungen der einheimischen Regierungschefs wird immer auch als ein Angriff auf „unseren“ Mann, auf „unsere“ Biografie empfunden. 76 Prozent der Sachsen sind der Meinung, es sei unproblematisch, wenn heutige Politiker schon zu DDR-Zeiten politische Funktionen hatten. Anfang der 90er Jahre wäre solch eine Umfrage wohl anders ausgefallen. Über diesen Gang der Dinge kann man sich erregen. Aufhalten wird man ihn 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr.

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