Meinung : Am Anfang war Erziehung

„Zur Krippe her kommet“

vom 27. Dezember

Als westlich sozialisierte Frau und mittlerweile Großmutter kann ich altbekannte Beobachtungen beitragen: In den 50ern wurde süßlicher Familienkitsch propagiert, auch weil es zu wenig Arbeitsplätze gab. In den 60ern zur Wirtschaftswunderzeit wurde die berufstätige Frau gewünscht, weil die Wirtschaft boomte. Dies produzierte die sogenannten Schlüsselkinder, weil es im Westen kaum Kindergarten- und Hortplätze gab. In den 80ern und 90ern (wieder eine Zeit knapper Arbeitsplätze) blieben Frauen in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder zu Hause und lernten, sorgsam mit deren Psyche umzugehen. Verantwortungsvolle Eltern lasen im Zuge der Emanzipationsbewegung u.a. Bruno Bettelheim, Eric Berne, Alice Miller oder Thomas Gordon. Gesprächskreise und Eikitas entstanden und eine moderne, demokratische Erziehungsbewegung.

Im Moment schwappt die Gesellschaftsmeinung zurück. Die Wirtschaft braucht gut ausgebildete Frauen, und die Familienpolitik einer Margot Honecker wird auf einmal auch im Westen als das Nonplusultra gesehen. Höre ich mich um, erfahre ich jedoch, wie sehr neben den Kindern auch die Mütter in der DDR unter der frühen Trennung von ihren Kindern litten. Ich habe meine Kinder in den 80ern und 90ern erzogen und mir blutet mein Großmutterherz, weil ich zuschauen muss, wie meine Enkel viel zu früh in einen organisierten Erwachsenenalltag gestoßen werden, der ihrem Bedürfnis nach einer festen Bezugsperson und nach Muße und Geborgenheit nicht gerecht wird. Wir verheizen die nächsten Generationen. Welche Folgen das haben wird? Die soziale Kälte wird sich vertiefen.

Silvia Paar, Falkensee

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Als Großmutter, Jahrgang 1937, beobachte ich schon seit längerem diese Entwicklung der „Kleinstkinder-Abschiebung“ mit großer Sorge. Oft sehe ich die eiligen Mütter ihre Kinder zur Tagespflege oder Krippe vor sich herschieben – ohne Blickkontakt. Fast alle Buggys und Sportwagen sind so gebaut, dass die Kleinen nach vorne schauen müssen. So sind sie Wind und Unruhe viel mehr ausgesetzt, als wenn sie die Mutter anschauen könnten. Sie würden sich gegenseitig anlächeln, Spaß haben und zum Beispiel miteinander singen. So habe ich es mit meinen Kindern und später dann mit den Enkeln gemacht, und ich denke noch gern an die Zeiten zurück.

Eva Eggert, Berlin-Tempelhof

Dank an die Verfasserin! Endlich einmal ein gewichtiger Artikel, in dem die Befürworter der Herdprämie – und ich benutze diesen hämisch gemeinten Begriff als ein Synonym für Nestwärme-Bon – nicht diffamiert, sondern im Gegenteil mit guten Begründungen versorgt werden, warum Kleinkinder nach Möglichkeit nicht von der Bezugsperson und von einem vertrauten Zuhause getrennt werden sollten.

Arbeitende Eltern müssen im Normalfall das Haus früh verlassen. Das bedeutet für das Kleinkind, dass es noch früher aus dem warmen Bett gerissen, im Auto, auf dem Fahrradsitz oder an der Hand in die nicht immer nahe gelegene Krippe transportiert und oft in großer Hektik abgegeben werden muss. Noch mehr und oft unlösbare Probleme tauchen auf, wenn das Kind oder aber ein Elternteil nachts oder gar erst am frühen Morgen erkrankt und so schnell kein Babysitter beschafft werden kann, sofern überhaupt einer existiert. Nur wer diese Probleme am eigenen Leib oder bei seinen Kindern bzw. Enkelkindern erlebt hat, kann überhaupt mitreden.

Die „bildungsfernen“ Familien, die ihren Kinder eventuell wegen der Prämie einen Kitabesuch vorenthalten, obwohl er für ihre Entwicklung nützlich wäre, dürfen auf keinen Fall zu einem Maßstab für die Allgemeinheit gemacht werden! Womöglich gleicht selbst in diesen Familien Elternliebe und häusliche Wärme jedes Förderprogramm in der Kita aus!

Hella Schacher, Berlin-Zehlendorf

Jede vorübergehende Trennung wird als Schmerz klassifiziert, der „absichtlich zugefügt und dann ideologisch begründet“ werde. Damit wird öffentliche Betreuung undifferenziert als „in der Krippe abgelegt“ diffamiert – und das schlägt sowohl verantwortungsvollen Eltern als auch engagiertem Personal in der frühkindlichen Erziehung unverdientermaßen ins Gesicht. Die vielen hervorragend arbeitenden Kindergärten und Tagesstätten, Initiativen – etwa des Berliner Pestalozzi-Fröbel-Hauses – zur konzeptionellen Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit mit Schulen, mit Einrichtungen der Familienberatung und der Stadtteilarbeit – all das taucht in diesem Bericht nicht einmal andeutungsweise auf. Gerade hierbei wäre ein Ausbau im Interesse des Kindeswohls bitter nötig, vor allem auch als wirksame Unterstützung überforderter Eltern, bevor es zu den sich häufenden Horrormeldungen über vernachlässigte und misshandelte Kinder kommt.

Keine Frage: Öffentliche frühkindliche Erziehung braucht Ressourcen, wenn sie gut sein soll. Sie stellt hohe Ansprüche an die Qualifikationen und die Belastbarkeit des Personals. Das steht in krassem Widerspruch zur notorischen personellen und finanziellen Unterausstattung in diesem wichtigen Bereich. Das muss sich ebenso schleunigst ändern, wie wir familienfreundlichere Arbeitszeiten und bessere Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Berufs- und Familienarbeit brauchen – für Mütter wie für Väter. Auch das würde dabei helfen, Überlastungen abzubauen, die nicht zuletzt aus der Idealisierung der „Ein-zu-eins-Pflege“ und der ständigen Verfügbarkeit von (im Regelfall) Müttern resultieren.

Prof. Dr. Marianne Horstkemper,

Berlin-Wilmersdorf

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