Meinung : Am Clinton-Boulevard

Die Welt und der Kosovo: Es geht nicht ums Völkerrecht, sondern um Macht und Geld

Caroline Fetscher

In Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, geprägt von Neubauten aus der Tito-Ära, haben sie die größte Prachtstraße nach einem amerikanischen Präsidenten benannt. Den Bill-Clinton-Boulevard ziert ein überlebensgroßes Porträt, winkend, grüßend, des Mannes, den die Bevölkerung im Kosovo verehrt. Gleich danach kommt Madeleine Albright, deren Biografie auf Albanisch viele Straßenhändler anbieten, neben Mobiltelefonen und anderen notwendigen Dingen.

In die Amerikaner setzt der Kosovo – albanisch Kosova – seine größte Hoffnung, seit die Nato-Intervention gegen Serbien nach Jahren brutaler Repression durch die Titularnation dann, im Frühjahr Sommer 1999, zumindest Frieden brachte, wenn auch noch nicht den wirtschaftlichen Aufschwung. Per UN-Resolution 1244 geriet der Kosovo unter Aufsicht der UN, Abermillionen wurden investiert in die internationale Mission, die einen zivilen und einen militärischen Pfeiler besitzt. Der „Clinton-Boulevard“ indes, auf dem sich die 1,8 Millionen Kosovo-Albaner wandeln sehen, soll am Horizont in die Unabhängigkeit führen.

Jetzt aber hat Russland dort quasi eine Straßensperre aufgebaut. Soll die von Massengräbern und Asche gezeichnete Provinz sich wirklich von Belgrad lösen, muss „Zwölf vierundvierzig“, wie Diplomaten gern sagen, durch eine neue UN-Resolution abgelöst werden. Solange jedoch im Sicherheitsrat das Veto Russlands – getrieben von der Angst vor einem Präzedenzfall für Tschetschenien – dagegensteht, bleibt die Lage heikel. Abwarten, Zeit gewinnen ist da in Brüssel die Devise der Stunde – selbst wenn es aus Washington hier und da ein wenig spöttisch heißt: Den Krieg habt ihr also ohne die UN mitgemacht, und den Frieden wollt ihr nun unbedingt mit ihnen machen? Eine gewisse Logik liegt gleichwohl in der legalistischen Haltung der Steinmeier & Co, die sich nicht vorwerfen lassen wollen, ohne Gefahr im Verzug einseitige Anerkennung eines neuen Staates auf Erden verantworten zu müssen. Bei der Intervention ging es um Hilfeleistung angesichts von Massenmord. In der Statusfrage Kosovo geht es um langfristig gangbare Wege – der Clinton-Boulevard hat Kreuzungen und Ampeln, an denen sich Diplomatie nolens volens orientieren muss.

In Serbien weiß die Elite zwar längst, dass der Kosovo verloren ist – sie spekuliert mit wirtschaftlichem Kalkül: „Was lasst ihr euch das kosten, wenn wir Kosovo freigeben?“ heißt das stumme Motto dort. Gegenüber den eigenen Leuten will man dann sagen können: „Die anderen haben uns dazu gezwungen!“ Erst wenn diese Fragen geklärt sind, wird Serbien in Moskau anrufen, um zu sagen, „na ja, dann stimmt eben zu“.

Es geht um Macht und Geld, nur am Rand um das Völkerrecht. Solange bleibt Kosovo eine Geisel und offiziell auf der Weltkarte noch südserbische Provinz. Bei der kosovo-albanischen Führung hat man das verstanden, und insistiert nicht auf Hauruckverfahren. Der Zahn der Zeit wird sie auslösen, die Kosovaren, die in der Zwischenzeit gut daran tun, ihre Lektionen in Rechtsstaatlichkeit mit Feuereifer zu lernen, anstatt Feuer zu legen.

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