Meinung : Am Ende der reinen Lehre

Man darf sich durch Terror nicht erpressen lassen, fordert Amerika – und hat es längst getan

Malte Lehming

Er nennt sich „Anonymous“. Sein Name wird geheim gehalten, es gibt keine Fotos von ihm. Eines freilich weiß man: In den USA ist er ein Experte auf dem Gebiet der Terrorbekämpfung. Nun hat „Anonymous“ ein Buch geschrieben. Es heißt „Imperial Hubris“ – imperiale Selbstüberschätzung. Die These: Al Qaida ist seit den Anschlägen vom 11. September 2001 eher stärker als schwächer geworden. Dazu beigetragen hat der Irakkrieg. Um den Trend zu stoppen, muss Amerika die Gründe der Terrorbewegung ernst nehmen. Es muss aufhören, arabische Despoten zu unterstützen, sich nicht bedingungslos auf Israels Seite schlagen und seine Truppen aus der Region abziehen.

Wer sich auf die Logik der Terroristen einlässt, hat verloren. So lautet die Gegenthese. Man muss hart bleiben, darf sich nicht erpressen lassen. Nie und unter keinen Umständen. Das ist auch die offizielle Linie der US-Regierung. Gestern haben die Philippinen begonnen, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen. Andernfalls wäre womöglich eine philippinische Geisel geköpft worden. Manila hat sich erpressen lassen. Bulgarien dagegen will standhaft bleiben, obwohl bereits ein bulgarischer Lkw-Fahrer exekutiert wurde. Die Entführer drohen, einen zweiten hinzurichten. Für die „Arls“, die Anhänger der reinen Lehre ist das Resümee klar: Philippinen böse, Bulgarien gut.

Was wollen die Terroristen? Die „Arls“ haben schnell eine Antwort parat. Sie wollen einen Keil zwischen die Alliierten im Irak treiben und unsere Wahlen beeinflussen. Als Beleg dienen die Anschläge von Madrid. Wenige Tage später kam es dort zum Regierungswechsel, und Spanien zog seine Truppen aus dem Irak ab. Für die „Arls“ war das der erste Sündenfall.

Ach, wenn es so einfach wäre! Als Kopf der Anschläge von Madrid gilt Rabei Osman Sajed Ahmed, genannt „Mohammed, der Ägypter“. Er wurde im Juni in Italien verhaftet. In einem abgehörten Telefonat kurz nach der Tat hat sich Ahmed selbst mit den Anschlägen gebrüstet. „Der Plan hat mich große Sorgfalt und Geduld gekostet. Zweieinhalb Jahre dauerte die Vorbereitung.“ Das ist eine lange Zeit. Mit dem Irakkrieg und der spanischen Beteiligung daran hatte Ahmeds Motivation also nichts zu tun.

Doch weil die Anschläge politische Wirkung zeigten, sind die Terroristen auf den Geschmack gekommen. Mit den Entführungen im Irak verfolgen sie psychologische Ziele. Das Köpfen von Menschen lässt sich an Grausamkeit kaum überbieten. In den USA flackerte jetzt eine Diskussion darüber auf, ob im Falle eines Anschlages rund um den 2. November herum die Präsidentschaftswahlen verschoben werden müssten. Offener kann man den Terroristen kaum den Erfolg ihres Tuns vor Augen führen. Zum Glück wurde die Debatte rasch beendet. Die Wahlen finden statt, basta, erklärte das Weiße Haus.

Im Prinzip haben die „Arls“ Recht. Mit Terroristen von der Art Al Qaida kann man weder verhandeln noch Kompromisse schließen. Zeichen von Schwäche spornen sie bloß an. Doch selbst die US-Regierung hält diese Linie längst nicht mehr durch.

Im April wurde beschlossen, die irakische Stadt Falludscha, ein Widerstandsnest, sich selbst zu überlassen. Das feierten die Rebellen als Sieg. Seitdem hat sich Falludscha zum Auffangbecken der antiamerikanischen Guerilla entwickelt. Durch die Straßen patrouilliert die „Falludscha-Brigade“, der auch Anhänger Saddam Husseins angehören. Iraks neuer Präsident, Ijad Allawi, paktiert ungestört mit alten Baathisten und schiitischen Radikalen rund um den Prediger Muktada al Sadr. Aus Angst hat die US-Armee außerdem darauf verzichtet, die irakischen Milizen zu entwaffnen. Wohin solche Unterlassungssünden führen, lässt sich in Afghanistan beobachten, wo die Wahlen erneut verschoben werden mussten.

Die Philippinen haben sich erpressen lassen. Das war falsch. Leider gibt es im Kampf gegen den Terror kaum noch eine Regierung, die das moralische Recht hätte, dies zu verurteilen. Auf die „Arls“ im Elfenbeinturm hört keiner mehr.

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