Meinung : Am Jahrestag wieder gut Freund

Amerika und Deutschland haben den Irak-Streit beigelegt

Malte Lehming

Manche Tage wirken gewöhnlich und sind doch etwas Besonderes. Gestern zum Beispiel. Genau ein Jahr zuvor, am 26. August 2002, hatte der Irak-Krieg begonnen. Zwar waren noch keine Panzer aufgefahren oder Kampfjets gestartet, aber die US-Regierung gab den Startschuss. Vor dem Verband der Kriegsveteranen in Nashville hielt Vizepräsident Dick Cheney eine Rede, die keine Zweifel mehr zuließ. Das Regime von Saddam Hussein sei gefährlich, es müsse beseitigt werden, ein Präventivschlag sei selbst dann erforderlich, wenn die UN-Inspekteure wieder ins Land gelassen würden. Es wäre naiv gewesen, das als Rhetorik abzutun.

Am wenigsten naiv war die Bundesregierung. Cheneys Rede veranlasste Gerhard Schröder zu einem Kurs, den es in der Nachkriegsgeschichte bis dahin noch nie gegeben hatte: In einer zentralen Frage der Außen- und Sicherheitspolitik ging der Kanzler auf Opposition zu Amerika. Er lehnte den IrakKrieg ab. Das überraschte die USA. Die Franzosen galten stets als eigenwillig und unzuverlässig, von den Russen war klar, dass sie eigene Interessen verfolgen. Aber die Deutschen? Deren Widerstand kam unerwartet. Insofern markiert der 26. August 2002 den Beginn des transatlantischen Zerwürfnisses.

Ein Jahr später lässt sich sagen: Es ist überstanden. Wer sich dieser Tage in Washington umhört, spürt keine Verbitterung mehr. Auf allen Ebenen ist man zum normalen, freundschaftlichen Umgangston zurückgekehrt. Der Ex-Grüne Otto Schily und sein christlichfundamentalistischer Kollege John Ashcroft verstehen sich ohnehin prächtig. Verteidigungsminister Peter Struck hat ein erstaunlich gutes Verhältnis zu Donald Rumsfeld aufgebaut. Die Wirtschaftsbeziehungen sind hervorragend. Und in vier Wochen werden auch Schröder und Bush wieder miteinander reden. Vielleicht wird die Chemie zwischen dem Rotwein trinkenden Atheisten und dem frömmelnden Asketen nie stimmen. Aber der Groll ist begraben. Man kann wieder über nachgeordnete Themen wie Kyoto, Strafgerichtshof oder Gen-Nahrung streiten.

Und der Irak? Aus einem zweiten Grund war gestern ein ganz besonderer Tag. Im Irak starb der 139. US-Soldat seit dem 1. Mai, als Bush auf dem Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ das Ende der Kämpfe verkündet hatte. Einer mehr, als während des gesamten Krieges ums Leben gekommen waren. Der Druck auf Bush, entweder mehr eigene Soldaten zu schicken oder die Besatzung zu internationalisieren, nimmt zu.

Was also tut Berlin, wenn es um Soldaten gebeten wird? Die Antwort ist einfach: Die Bitte kommt nicht. Wenn Amerika überhaupt Hilfe braucht zur Befriedung des Irak, dann zahlenmäßig große Verbände, möglichst aus muslimischen Ländern. Zudem hat die Bush-Administration das deutsche Engagement in Afghanistan als Ablasshandel akzeptiert: Wenn die Deutschen sich um Kabul und Kundus kümmern, uns im UN-Sicherheitsrat keine Steine mehr in den Weg legen und auch sonst gefällig sind, lassen wir sie mit dem Irak in Ruhe. Darauf haben sich beide Seiten hinter den Kulissen verständigt. Als Erster hatte dies Bush persönlich angedeutet. Vor kurzem lobte er plötzlich, ohne gefragt worden zu sein, das deutsche Afghanistan-Engagement über den grünen Klee.

Wesentlich zur Entspannung beigetragen hat Joschka Fischer. Mitte Juli schwor er in Washington offiziell dem Gaullismus ab – worauf die Bush-Regierung gewartet hatte. Deutschland wolle kein Rivale Amerikas sein, Europa sei nur mit, nie gegen Amerika stark. Damit leistete Fischer, diplomatisch verklausuliert, ein wenig Abbitte. Der Streit, der vor einem Jahr begann, ist beigelegt. Bush und Schröder werden das Ende bei ihrem Treffen in vier Wochen nur noch besiegeln.

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