Meinung : Am Tag, als Kelsang Namtso starb

Angela Merkel hat die Chance, zur Rettung Tibets beizutragen Von Richard Gere

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Eine Umfrage ergab, dass die Deutschen den Dalai-Lama von allen internationalen Persönlichkeiten am meisten bewundern. Unermüdlich setzt sich das Oberhaupt der Tibeter für das Überleben der tibetischen Kultur und Religion ein. Und auch seine universelle Botschaft von Frieden und Gewaltlosigkeit bedeutet den Deutschen sehr viel. Diese Botschaft sollte sich auch Kanzlerin Angela Merkel während der EU-Ratspräsidentschaft zu Herzen nehmen.

Deutschland ist Chinas wichtigster politischer und wirtschaftlicher Partner in Europa, und Peking räumt seinen Beziehungen zu Berlin einen hohen Stellenwert ein. Die EU arbeitet derzeit strategische Rahmenbedingungen aus, die ihre Beziehungen zu China im nächsten Jahrzehnt bestimmen. Deutschland hat also die historische Gelegenheit, eine Führungsrolle innerhalb der EU zu übernehmen, um sicherzustellen, dass Tibet ein wichtiger und stets präsenter Teil der EU-Agenda wird.

China strebt nach Erfolg und Respekt. Ohne Stabilität wird es beides nicht erreichen. Echte Stabilität indes gründet sich auf eine starke Zivilgesellschaft, zuverlässige Regierungsinstitutionen, verlässliche internationale Allianzen und verantwortliches Verhalten. Gemessen an diesen Faktoren, kann China weitaus mehr tun. Nichts illustriert das besser als Chinas Politik in Tibet.

Seit der chinesischen Invasion im Jahre 1949/50 wurden jene Tibeter, die sich nicht der Flucht des Dalai-Lama 1959 ins Exil anschlossen, systematisch unterdrückt und marginalisiert. Chinas Wirtschaftswachstum hat diese Tendenz enorm verstärkt. China verfolgt in Tibet eine städtische, technokratische Politik, die chinesische Siedler bevorzugt und die Kultur und die Nöte der Tibeter, die auf den Hochebenen seit Jahrhunderten leben, missachtet. Diese Politik bedeutet die bislang ernsthafteste Bedrohung der einzigartigen religiösen, kulturellen und sprachlichen Identität der Tibeter.

Seit dem Jahre 2002 gab es, nach zehnjährigem diplomatischen Stillstand, mehrere Gesprächsrunden über die Zukunft Tibets zwischen Gesandten des Dalai-Lama und Vertretern Pekings. Doch zurzeit ist höchst unklar, ob sich China diesem Dialog noch verpflichtet fühlt. In den vergangenen sechs Monaten ist dem Dalai-Lama mit beispielloser Feindseligkeit vonseiten der Führung in Tibet begegnet worden. Und ein neuer, harter Chef der Kommunistischen Partei in Tibet ist verantwortlich für die weiter gestiegene Unterdrückung.

Die bedrückenden Realitäten dieser Politik werden am heutigen Montag in einem Film in Berlin gezeigt (ausgestrahlt vom Cinema for Peace und der „International Campaign for Tibet“). Ein rumänischer Kameramann hielt fest, wie chinesische Grenzpolizisten auf eine Gruppe tibetischer Flüchtlinge schossen, die meisten davon Nonnen, Mönche und Kinder. Man hört die Gewehrsalven, eine 17-jährige Tibeterin namens Kelsang Namtso wird erschossen.

Kelsang Namtso hatte versucht, aus Tibet zu fliehen, um ihre Religion in Freiheit zu praktizieren und sich vom Dalai-Lama segnen zu lassen. Die Gründe für ihre gefährliche Reise ins Exil, die schließlich tödlich endete, teilen viele andere tausend Tibeter, die jedes Jahr auf der Flucht aus der Heimat ihr Leben riskieren.

Chinas Antwort auf diesen Vorfall bestand in der Aussage, er sei Teil eines „normalen Grenzmanagements“ gewesen. Solche Bemerkungen gehören zum „alten“ China, nicht zu dem Land, das international als Supermacht respektiert werden möchte – ein Jahr, bevor es die Olympischen Sommerspiele austrägt. Wenn Staats- und Parteichef Hu Jintao jenen internationalen Respekt einfordert, muss er seine Politik ändern. Das chinesische und das tibetische Volk haben etwas Besseres verdient.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 hat China die Chance, seine Tibetpolitik radikal zu überdenken. Es muss die Menschenrechte achten und den Dialog mit den Gesandten des Dalai-Lama neu aufnehmen. Nur so kann es zu einer friedlichen und gerechten Lösung für Tibet kommen.

Der Dalai-Lama verbindet große Hoffnungen damit, dass immer mehr Chinesen den Wert der tibetischen Kultur entdecken, besonders die tiefen buddhistischen Wurzeln, die auf Weisheit und Mitleid basieren. Früher ging der einzige Chinese, den man in Lhasa sah, aus Arroganz den Pilgerweg um den Jokhang-Tempel verkehrt herum. Heute sieht man junge Chinesen, die ihn Seite an Seite mit tibetischen Nomaden gehen. Das Überleben von Tibets spiritueller Erbschaft in seinem eigenen Land ist nicht nur für das tibetische Volk wichtig, sondern auch für China und die ganze Welt.

Der Dalai-Lama hat angedeutet, zu einer Reise nach China bereit zu sein. Er will dort zum Verständnis beider Seiten beitragen und zum größeren Vertrauen. Es ist unerlässlich, dass der Dalai-Lama direkt in die Entscheidungen über Tibets Zukunft eingebunden wird.

Angela Merkel hat den Dalai-Lama getroffen und weiß um seine Integrität. Sie sollte sich bei Hu Jintao für eine solche Visite einsetzen. Das tibetisch-chinesische Dilemma kann gelöst werden. Merkel und die Deutschen sind in einer einmalig günstigen Position, um innerhalb der EU zu einer solchen Lösung beizutragen.

Der Autor ist Schauspieler und Vorsitzender der „International Campaign for Tibet“. (Übersetzt von Malte Lehming)

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