Meinung : Am Zug

Der Bombenfund von Dresden hat gezeigt: Deutschland ist ein Angriffsziel

Lorenz Maroldt

Eine besondere Gefahrensituation lag nicht vor, teilt der Bundesgrenzschutz mit. Welch ein Irrtum. Videobilder wurden aus Gründen des Datenschutzes nicht aufgenommen, erklärt die Bahn. Was für ein Irrsinn.

Es hat, wie es aussieht, nicht viel gefehlt, und Deutschland wäre Schauplatz eines terroristischen Massakers geworden. Irgendwo auf der Strecke zwischen Dresden und Frankfurt am Main hätte die Bombe den ICE 1653 zerfetzen können; hunderte Menschen wären zu Beginn des langen Pfingstwochenendes darin gefahren. Vielleicht sollte der mit Sprengstoff und Steinen gefüllte Koffer auch auf dem Bahnhof hochgehen.

Der Zufall und ein aufmerksamer Bahnangestellter haben das verhindert. Das seltsam gedimmte Gefährdungsgefühl und der trotzige Datenschutzstolz dieser Gesellschaft aber behindern auf groteske Weise das Bemühen, ihre Todfeinde zu finden und festzusetzen. Der verhinderte Massenmörder von Dresden läuft weiter frei herum. Eher unwahrscheinlich, dass er es nicht nochmal versucht.

Was ist hier los? Nach dem 11. September 2001 rollte zwar eine mittlere Aufregungswelle durchs Land und zwang uns zu einer abstrusen Debatte über den Sinn der Biometrie in der Fahndung; aber dass einige der Attentäter von New York zuvor scheinbar harmlose Nachbarn in Hamburg waren, hat uns schon weniger interessiert. Die deutschen Opfer von Dscherba? Ganz schlimm – aber waren da wir gemeint? Ausgerechnet wir, die Friedensfreunde, die verständnisvollsten Multikulturisten der Welt? War wohl ein Missverständnis. Ebenso wie der Anschlag auf deutsche Soldaten in Kabul?

Nein, Deutschland ist ganz offensichtlich ein Angriffsziel ersten Ranges und muss entsprechend reagieren. Nicht hysterisch. Nicht totalitär. Aber der Lage angemessen.

Die Lage: Eine Gefahrensituation liegt eindeutig vor, und das nicht nur jetzt, ein paar Tage nach dem glücklichen Bombenfund.

Die angemessene Reaktion: Wir müssen, zum Beispiel, noch aufmerksamer werden. Es wird nicht gleich zum Denunzianten, wer einen verdächtigen Koffer meldet. Die Briten haben sich daran, wegen des Bombenterrors der IRA, schon lange gewöhnt, die Israelis wegen des Terrors der Hamas umso mehr. Wir werden noch mehr Kontrollen ertragen müssen – und es können.

Denn der Schutz unserer Daten ist nicht wichtiger als der Schutz unseres Lebens. Wir müssen, und das ist das Schlimmste und Schwerste, dabei wohl oder übel dem Staat mehr vertrauen als bisher. Den Rechtsstaat an sich stellen wir damit nicht in Frage. Im Gegenteil: Wir sollten ihn schützen, und zwar so gut wie wir können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben