Amazon-Gründer Jeff Bezos kauft "Washington Post" : Qualitätszeitungen.com

Will da ein gelangweilter Milliardär mit einem angesehenen Zeitungstitel seine schnöden Alltagsgeschäfte aufhübschen? Nein, Amazon-Gründer Jeff Bezos legt mit dem Kauf der "Washington Post" ein Versprechen ab.

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Da ist richtig Ironie drin. Jeff Bezos hat Amazon gegründet und ist über die Online-Handelsplattform zum zigfachen Milliardär geworden. Jetzt kauft er die „Washington Post“. Das Geschäftsmodell des Renommeeverlags war ausgerechnet durch das Internet ins Wanken geraten: Leser wandern ab, Anzeigenmärkte verlagern sich ins Netz.

Die Pointe des Deals wäre, wenn Bezos diesen Eckpfeiler des amerikanischen Journalismus stabilisieren kann. Er sagt, die Werte der „Post“ würden sich nicht ändern, der Journalismus spiele eine kritische Rolle in der Gesellschaft. Aber er sagt auch: „Wir werden erfinderisch sein müssen, und das heißt, wir müssen experimentieren.“ Das ist ein Versprechen, keine Verheißung. Bezos kann mit der „Post“ scheitern. Aber diesem Vordenker des kommerziellen Internets, der übrigens Zeitung auf dem Kindle liest, ist zuzutrauen, dass er den Qualitätsjournalismus von seiner Zukunftsangst erlöst – und Wege findet, wie die Digitalisierung der Inhalte mit einer ausreichenden Monetarisierung verknüpft werden kann.

Jeff Bezos soll für die "Washington Post" neue Antworten finden

Der Käufermarkt für Zeitungen ist in den USA (stark) wie in Deutschland (schwächer) von Minuszahlen geprägt. Zugleich wächst der Lesermarkt in der Kombination von Nutzern des gedruckten Produkts und seiner digitalisierten Form aus einem Medienhaus. Die addierten Reichweiten steigen.

Das ist mehr als ein Hoffnungsschimmer, es ist der Beleg, dass journalistische Inhalte eine begehrte Ware sind. Qualität, die sich aus Glaubwürdigkeit speist, Glaubwürdigkeit, die sich mit Qualität beweist. Friede Springer rechtfertigte den Verkauf der „Berliner Morgenpost“ und der „Hörzu“ an die Funke Mediengruppe mit der Formel: „Das Alte ist vergangen, wirklich vergangen.“ Ein Milliardendeal aus Angst vor dem angeblich unabwendbaren Untergang.

Donald Graham, Chef der „Washington Post Company“ und Kopf der Verlegerfamilie, war ehrlicher: „Das Zeitungsgeschäft warf stets neue Fragen auf, auf die wir keine Antworten haben.“ Bezos soll diese Antworten finden – durch eine zukunftsträchtige Verknüpfung von Amazon und Zeitungsmarke, von Vertriebsplattform und Content. Ist ein Artikel wirklich schwieriger zu verkaufen als ein Buch, ein Spiel, eine CD? Was lässt sich wie und womit verbinden, welche Struktur braucht ein Online-Artikel, eine digitale Zeitung?

In Deutschland besteht weiterhin eine intakte Verlags- und Verlegerstruktur. Verlage, auch Springer, verkaufen Zeitungen und Zeitschriften an Verlage, ein Zeichen für Zukunftsgewissheit. Eine Zukunft, deren Konturen sich vielleicht in den USA erkennen lassen. Gerade erst hat ein reicher Einzelunternehmer und Besitzer eines Baseballklubs den „Boston Globe“ gekauft. Starinvestor Warren Buffett erwarb über 70 Zeitungen. Und jetzt kauft der Amazon-Krösus die „Washington Post“. Wollen da gelangweilte Milliardäre mit angesehenen Zeitungstiteln ihre schnöden Alltagsgeschäfte aufhübschen? Jeff Bezos zeigt: Das ist altes Denken, wirklich altes Denken.

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