Meinung : Amerika auf dem deutschen Weg

Die Demokraten sind so hilflos wie die SPD am Ende der Ära Brandt Von Jacob Heilbrunn

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Es herrschen harte Zeiten für die liberalen Ostküstler Amerikas – vor allem für die in New York, das sich mit großer Mehrheit hinter den späteren Verlierer John F. Kerry gestellt hatte. Am Wahlabend sprachen einige sogar davon, nach Europa auszuwandern, nur um nicht vier weitere BushJahre erleiden zu müssen. Der eine oder andere besonders Depressive wanderte dann in der Tat nach Kanada aus. Aber wie man in diesen Tagen bei einem Besuch in New York feststellen kann, gibt es auch andere Formen der Bewältigung: Dort fliehen sich die Unglücklichen, zumindest im Geiste, ausgerechnet in die Ära Brandt – so wie sie sich im Brooks-Atkinson-Theater in der 42. Straße darstellt, in Michael Frayns Stück „Demokratie“ über die Guillaume-Affäre.

Das brillante Stück hat begeisterte Kritiken erhalten und ist dementsprechend ausverkauft. Gerade als die meisten in der Demokratischen Partei dachten, es gehe bergab mit der Demokratie in den USA, liefert Frayns „Demokratie“ nicht nur eine detaillierte Darstellung der merkwürdigen Beziehung der beiden Deutschlands in Zeiten des Kalten Kriegs, sondern liefert auch einen Anamnese der Stärken und Schwächen der Linke überhaupt. Der Willy Brandt in der New Yorker Inszenierung ähnelt, wie viele Kritiker gleich angemerkt haben, Bill Clinton, wegen der Frauengeschichten einerseits, aber auch wegen des wechselhaften Charakters.

Auch Brandts SPD gleicht in schmerzhafter Weise der Demokratischen Partei: Als einer von Brandts Ministern sagt, „Niederlage ist das einzige, das diese Partei versteht. Niederlage ist Zeugnis hoher Werte. Niederlage stellt keine Forderungen. Sieg heißt, dass man etwas tun muss – und etwas tun bedeutet immer Meinungsverschiedenheit und Kompromisse und Fehler“, da lacht das New Yorker Publikum reumütig.

Könnte es eine bessere Beschreibung für den Zustand der Demokratischen Partei geben, die lieber authentisch, pur bleibt als sich an der echten Macht die Hände schmutzig zu machen?

Die Zuschauer lachten auch an der Stelle, als Wehner darüber klagt, wie stürmisch und unbedacht die Brandt-Regierung sich in die neue Ostpolitik gestürzt hat – ein Echo davon, dass die Bush- Regierung den Irakkrieg ebenso wenig vorbereitet hatte.

Trotz aller Genauigkeit, mit der sich Frayn den Kabbeleien im Kabinett widmet, ist die wahre Lektion, die „Demokratie“ der Gegenwart liefert jedoch eine andere: dass Veränderung von individuellen Menschen abhängt.

Das eindrucksvolle Zusammenstürzen sämtlicher Bücherregale im Bundeskanzleramt am Ende des Theaterstücks soll natürlich den Fall der Berliner Mauer symbolisieren – aber der war das Ergebnis der Proteste der Bürger im Osten, nicht des Annäherns und Kungelns der Bonner Eliten mit der SED-Elite.

Für Amerikaner mag im Ausgang von Frayns Stück durchaus etwas Optimistisches liegen: Einige in den so genannten „blauen“ Staaten, in denen die Demokraten die Mehrheit stellen, spielen mit der Idee, sich von den USA und Bushs „roten“ loszulösen. Man könnte sagen: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind heute genauso geteilt wie die beiden ehemaligen Deutschlands. Aber vielleicht wird sich das politische Klima in den kommenden Jahren ändern und, wie Brandt selbst es einmal gesagt hat, dieses Land wird erkennen, dass das, was zusammengehört, zusammenwächst.

Der Autor ist Leitartikler der „Los Angeles Times.“

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