Meinung : Amerika, das zweite Israel

Von Malte Lehming

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Es lebte einmal ein kluger Mann. Seine Kindheit hatte er in Riga verbracht, studiert in Berlin, dann zog es ihn, als Zionisten, nach Palästina. Er war Philosoph und Naturwissenschaftler. Bis ins hohe Alter unterrichtete er an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Jeshajahu Leibowitz war das Gewissen Israels. Nach dem Sieg im SechsTageKrieg mochte er daher in den allgemeinen Jubel nicht einstimmen. Am siebenten Tag des Krieges, so warnte er mit biblischer Metaphorik, habe sich das jüdische Gemeinwesen in eine Besatzungsmacht verwandelt. Besatzung aber sei ein Fluch – mehr noch für die Besetzer als für die Besetzten. „Wenn wir unsere Gewaltherrschaft über ein anderes Volk aufrecht erhalten“, sagte er, „werden der Geheimdienst und das Militär zu den zentralen Institutionen unseres Staates.“ Besatzung korrumpiert. Das ist ihr Preis. Wer ein anderes Volk beherrscht, dem droht die Verrohung.

Diese Erfahrung machen nun erneut die Amerikaner. Im Irak wurden keine Massenvernichtungswaffen gefunden, stattdessen Massenvernichtungsmenschen geschaffen, Selbstmordattentäter genannt. Deren Terrorismus wird von vielen Arabern als Widerstand, gar Befreiungskampf verstanden. Selbst mit Enthauptungen wird geprotzt. Dieser Feind hält sich weder an Regeln noch an die Moral.

Das wiederum weicht die eigenen Maßstäbe auf. Man verbarrikadiert sich, foltert Verdächtige, schießt Raketen auf mutmaßliche Stellungen des Feindes ab. Manchmal entpuppen sich diese Stellungen später als Hochzeitsgesellschaften oder harmlose Wohnviertel. Weil mit allen Mitteln die eigene Sicherheit erhöht werden soll, geht die eigene Unschuld verloren. Etwas anderes als einen halbwegs geordneten Rückzug aus dem Irak anzutreten, bleibt den Amerikanern nicht übrig. Ihre Demokratisierungsambitionen müssen sie begraben. Andernfalls brutalisieren sie sich weiter. Schon jetzt gibt es immer mehr Parallelen zwischen ihrer Besatzung und der der Israelis. Dazu gehört auch der Versuch, ein Netz von Wohlmeinenden unter den Besetzten zu knüpfen, die dann von radikalisierten Kräften regelmäßig als „Kollaborateure“ und „Verräter“ umgebracht werden.

„Was war die große Tat von Charles de Gaulle?“ fragte Leibowitz seine Zuhörer oft. „Er befreite sein Volk von der Herrschaft über ein anderes.“ Er zog die Franzosen aus Algerien ab.

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