Meinung : Amerika denkt um

Im Irak werden die Weichen für den Wiederaufbau neu gestellt

Andrea Nüsse

Vier Wochen nach dem Fall von Bagdad steht der Irak vor neuen Weichenstellungen. Das US-Außenministerium scheint den Kampf mit dem Pentagon um die Oberhoheit beim Wiederaufbau gewonnen zu haben. Darauf deutete bereits vor Tagen die Ernennung des Ex-Diplomaten Paul Bremer hin; er wurde dem bisher für den Wiederaufbau zuständigen Ex-General Jay Garner übergeordnet. Garner und seine Leute sollen das Land nach Informationen der „Washington Post" demnächst verlassen; zudem werde die Diplomatin Barbara Bodine, die als Bürgermeisterin von Bagdad agierte, überraschend von ihrem Posten entbunden.

Zwei Interpretationen bieten sich an. Erstens scheint sich Amerika der Kritik zu beugen, dass die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und Versorgung zu langsam vorankommt. Zweitens will man offenbar den gesamten Wiederaufbau in eine Hand legen, die Paul Bremers und seiner Mannschaft. Denn das war die Klage: dass eine zentrale Autorität bei Amerikanern wie Irakern fehlt.

Zeitlich fällt diese Korrektur zusammen mit der Rückkehr des führenden schiitischen Geistlichen, Ayatollah Mohammed Baqir al-Hakim, aus dem iranischen Exil. Es muss keinen direkten Zusammenhang zwischen beiden Entwicklungen geben. Aber einen indirekten darf man schon vermuten. Al-Hakim hatte sich gegen eine amerikanische Militärbesatzung ausgesprochen und die USA aufgefordert, den Irakern die Reorganisation ihres zerstörten Landes zu überlassen. Solange er keine Anzeichen sah, dass die USA diesen Weg einschlagen, blieb er im Exil im Iran. Um von dort aus mit Teherans Unterstützung die Entwicklung eher störend zu beeinflussen.

Auch den Waffenstillstand der US-Armee mit den Volksmujaheddin, einer bewaffneten iranischen Oppositionsgruppe, die für zahlreiche Anschläge im Iran verantwortlich ist, hatte er schärfstens kritisiert. Zufällig wurde nun auch bekannt, dass die US-Armee diese mehrere tausend Mann umfassenden Einheiten zur Entwaffnung gezwungen habe. Dies könnte ein weiteres Zeichen für einen wachsenden Einfluss des US-Außenministeriums in der Irak-Politik sein. Ebenso wie die Meldung, die USA führten direkte Gespräche mit dem Iran.

Ob das nun alles miteinander zusammenhängt oder nicht: Für al-Hakim, den Vorsitzenden der schiitischen Exilopposition SCIRI, waren nun die Voraussetzungen für seine Rückkehr in den Irak erfüllt.

Die SCIRI bemüht sich denn auch um eine pragmatische Zusammenarbeit mit den Amerikanern. Wie wichtig Gesten und äußere Form dabei sind, zeigte sich in den vergangenen Wochen. Zu einem von den USA anberaumten Treffen irakischer Oppositioneller in Bagdad schickte SCIRI nur eine untergeordnete Delegation, entsprechend dem Niveau der Vertretung auf amerikanischer Seite. Als Tage später Jay Garner um einen Termin bei Ayatollah al-Hakims Bruder bat, der bereits in den Irak zurückgekehrt war, wurde er mit offenen Armen empfangen.

Amerikas Kriegsstrategen wird häufig mangelnde Vorbereitung und geringes Gespür vorgeworfen. Vor Ort scheinen sie dazuzulernen. Die Ablösung des Militärs Garner ist auch ein Signal an die Weltgemeinschaft. Nach dem gewonnenen Krieg braucht Amerika die UN – zur Aufhebung der Sanktionen. Die Revision des Nachkriegs-Szenarios könnte die Kriegsgegner im Sicherheitsrat milder stimmen. Und erleichtert den Schiiten die Kooperation.

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