Meinung : „Amerika ist unser Feind“

Clemens Wergin

Im April hatte Muqtada schon einmal den Aufstand geprobt. Damals hatte irakischer Richter einen Haftbefehl gegen den Sprössling einer berühmten schiitischen Klerikerfamilie ausgestellt. Der Verdacht: Muqtada al Sadr habe den Mord an einem rivalisierenden schiitischen Geistlichen befohlen. Daraufhin hatte Sadrs Mehdi-Miliz schiitische Städte im Süden des Irak handstreichartig genommen. Nachdem die Amerikaner aber deutlich gemacht hatten, dass sie nicht nachgeben würden, machte Sadr Friedensangebote. Von da ab bekam die Auseinandersetzung mehr den Charakter einer stillen Belagerung. Sicherheitsexperten sahen Sadr machtpolitisch schon auf einem absteigenden Ast.

Mit der relativen Ruhe ist es erst einmal vorbei: Seit Sadrs Mehdi-Miliz am Donnerstag eine irakische Polizeistation in Nadschaf angegriffen hat, liefern sich US-Marines, irakische Armee und Polizeikräfte erneut einen erbitterten Kampf mit der Miliz in Nadschaf. Auch in Bagdads Sadr-City, in Nasirijah und einigen anderen Städten gab es Zusammenstöße. 300 Mehdi-Kämpfer seien umgekommen, berichten die Ordnungskräfte, Sadrs Leute sprechen von 40.

Offenbar sucht Iraks Premierminister Ajad Allawi nun die Entscheidung im Machtkampf mit dem Anfang 30-Jährigen. Allawi hatte erst versucht, Sadr zu integrieren, hatte ihm gar Mitarbeit in der Übergangsregierung angeboten. Sadr lehnte stets ab. Deshalb will Allawi, selbst Schiit, nun nicht mehr hinnehmen, dass manche Städte und Stadtviertel von der Mehdi-Miliz beherrscht werden, als sei diese die Regierungsmacht. Allawi scheint auch in Kauf nehmen zu wollen, dass er damit viele Schiiten vor den Kopf stößt. Noch prekärer wird die Lage, weil sich Großajatollah Ali al Sistani, der die schiitische Mehrheit aus dem Hintergrund leitet, soeben nach London in ärztliche Behandlung begeben hat. Aber vielleicht ist das ja der Grund, warum Allawi nun den Konflikt mit Sadr sucht, anstatt der schleichenden Ausdehnung seiner auf Gewalt fußenden Macht weiter tatenlos zuzusehen.

Sadr selbst hat es immer wieder verstanden, sich dem Zugriff der Ordnungskräfte zu entziehen. Zuletzt am Donnerstag, als die Marines sein Haus erstürmten, Sadr aber nicht antrafen. Und auch ein kleines politisches Schlupfloch steht dem stets finster blickenden Sadr noch offen: Bei seiner Pressekonferenz am Samstag hat Premier Allawi gesagt, er könne sich gar nicht vorstellen, dass die rebellierenden Schwarzhemden in Nadschaf wirklich Sadrs Leute seien. Klingt wie eine Ouvertüre zu Verhandlungen.

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