Amerika steht Kopf : Nach den US-Wahlen: Präsident ohne Land

Das Ergebnis der Wahlen zum Kongress ist ein Desaster für Barack Obama. Es ist ein Zeichen der wahren Wirklichkeit in den USA - und es ist eine brisante und gefährliche Mischung.

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Amerika steht kopf. Ein bisschen Grund zur Freude gab es aber auch für die Demokraten. Hier jubelt der Demokrat Ed Perlmutter in Denver über seinen Einzug ins Repräsentantenhaus.Weitere Bilder anzeigen
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03.11.2010 08:02Amerika steht kopf. Ein bisschen Grund zur Freude gab es aber auch für die Demokraten. Hier jubelt der Demokrat Ed Perlmutter in...

Es ist eine Katastrophe, ein Desaster, eine Desillusionierung. Es ist alles das, was Barack Obama nicht gebrauchen kann. Dieses Ergebnis der Wahlen zum US-Kongress ist der gewaltigste Umschwung seit 1948. Es ist ein Zeichen der wahren Wirklichkeit, die Wut ist, Trauer und Hass auf Seiten der Gegner dieses Präsidenten. Alles zusammengenommen ist das eine brisante und gefährliche Mischung.

Wandel, Wechsel, Zusammenhalt, Erneuerung des amerikanischen Traums, das alles hatte er versprochen; und was haben sich die Wähler vor zwei Jahren nicht alles von ihm versprochen. Er wurde sogar für dieses Versprechen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Realitätsflucht beginnt damit, Fakten als bloße Meinungen anzusehen. Die Fakten sind niederschmetternd für alle, die in Obama große Hoffnungen setzen.

Die Katastrophe lässt sich fassen, in Zahlen. 47 Prozent der Amerikaner glauben nicht mehr an den amerikanischen Traum. Die Amerikaner, die Bannerträger des Optimismus! Sie werden ängstlich, sehen die Zukunft düster. 63 Prozent glauben nicht mehr, ihren Lebensstandard halten zu können. Man kann es ihnen nicht verdenken: Es wird zu wenig investiert, konsumiert, die Wirtschaft kommt nicht in Schwung. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei zehn Prozent, die Schätzungen laufen auf 20 Prozent hinaus. Millionen Jobs sind weggefallen, Geld wurde nicht im industriellen Sektor verdient, sondern in Blasen, der New- Economy-Blase, der Immobilienblase. Die Reichen, die wenigen, werden reicher, die Armen ärmer. Für ihre Bedürfnisse ist immer weniger Geld da. Bei alledem aber hat die Staatsverschuldung unter Obama mehr als 90 Prozent des Bruttosozialprodukts erreicht, genau 94,3 Prozent, das sind 13,8 Billionen Dollar Staatsschulden.

Guantanamo ist nicht geschlossen. Die Kriege gehen weiter. Die Abrüstung mit Russland kommt nicht voran. Die Gesundheitsreform ist ein Torso. Die Abhängigkeit von China wächst. Die Grenzprobleme mit Mexiko bestehen fort … Die Liste ist nicht vollständig. Nicht einmal die Schwulen sind gleichberechtigt ins Militär integriert. Wenn das sarkastisch klingt, ja, dann klingt es genau so, wie es Obama in den USA von den Enttäuschten entgegenschallt. Und nichts ist schlimmer als eine enttäuschte Liebe. Auch Vertreter der einflussreichen Hispanics fragen sich inzwischen, ob sie nicht besser John McCain hätten wählen sollen.

Obama und seine Leute müssen wirklich geglaubt haben, dass die Republikaner nach seiner Wahl zum Präsidenten ein Interesse an Zusammenarbeit haben würden. Um ihm zum Erfolg zu verhelfen, ihm, der sie ihre Macht gekostet hat, der das Land in Blau getaucht hat, in die Farbe der Demokraten. Als hätte es keine Vorbilder gegeben, keine Hatz der Rechten auf Bill Clinton zum Beispiel. Obama und sein Stab – sie müssen von brillanter Naivität sein. Nein, die Republikaner haben ihn beobachtet und in der Zwischenzeit Maß genommen. Sie haben ihn für leicht befunden. Ein großer Teil des Landes sieht Rot. Das ist die Farbe der Republikaner.

Zwei Jahre bleiben ihm, neben der jetzt zwingenden Bereitschaft zur Kohabitation auch Härte zu zeigen. Obama hat immerhin noch das Vetorecht des Präsidenten. Er kann immer noch regieren, zeigen, wofür er steht. Wenn es ihm nicht gelingt, dann hat er das Versprechen, das er war, das er ist, als Schwarzer und als Aufgeklärter, gebrochen. Dann wird die Zukunft Vergangenheit sein.

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