Amerika und Europa : Brücke ins Ungewisse

Sieben Tage, die die Welt veränderten – so wirkt es jedenfalls. Ein Gipfel nach dem anderen wird erstürmt, ein Beschluss nach dem anderen gerühmt. Dabei ist die Krise noch gar nicht richtig angekommen, zumindest nicht in Europa.

Stephan-Andreas Casdorff

Sieben Tage, die die Welt veränderten – so wirkt es jedenfalls. Ein Gipfel nach dem anderen wird erstürmt, ein Beschluss nach dem anderen als „sehr, sehr gut, fast historisch“ gerühmt, ein Bild nach dem anderen zeigt händeschüttelnde, breit lächelnde Staatsleute, die ihres Amtes walten. Herzlichkeit allerorten, wie ins Programm hineingeschrieben. Punkt zehn: Zähne zeigen. Lächeln, natürlich.

Dabei ist die Krise noch gar nicht richtig angekommen, zumindest nicht in Europa. Die Sonne lacht, die Menschen tun es auch, endlich ist die Kälte vorüber. Doch was uns wärmt, ist nur der schöne Schein. Die Wirklichkeit ist anders. Seit 1928 ist es nicht mehr vorgekommen, dass der Frühling keine Belebung am Arbeitsmarkt bringt. Stattdessen wird die Rezession ein ungeahntes Ausmaß annehmen, und eine Ahnung besagt, dass die Arbeitslosenzahl schon bald deutlich über die Marke von fünf Millionen klettert. Um länger dort zu bleiben.

Das bedeutet, dass jetzt jeden Tag Gipfel ist. Dass jeden Tag die Herausforderung durch die Krise gesehen, bewertet, bewältigt werden muss. Die Beschlüsse müssen mehr wert sein als das Papier, auf dem sie gedruckt sind. Sie müssen umgesetzt werden, und wie schwierig das ist, zeigt sich auch jeden Tag. Werden neue Schulden gemacht werden müssen? Werden die Steuern erhöht? Werden die Chinesen aus dem Gleichgewicht geraten und die Welt destabilisieren? Werden die USA sich als Wirtschaftsmacht rehabilitieren? Nicht auf alles gibt es kurzfristig Antworten, logischerweise nicht, manches wird erst die weitere Entwicklung zeigen. Aber für alles muss vorausgedacht werden, und nachgedacht sowieso. Bloß muss es alles schneller gehen. Wer jetzt noch warten und Versuchsanordnungen aufbauen will, um zu testen, wo welches Gewicht am stärksten ist, der waltet nicht seines Amtes – der schindet nur Zeit. Das kann gefährlich werden.

Die Krise ist groß, deshalb dürfen die Lösungen nicht kleine oder keine sein. Das ist das Mantra von Barack Obama, ob bei den G 20 oder der Nato. Eine gesunde Welt ohne Atomwaffen – eine Vision ist das, keine Halluzination. Wenn nur die Europäer ihn verstehen würden! Sie schicken Obama heim mit dem Eindruck, dass mit ihnen kein Staat zu machen ist. Dass sie nicht an der Seite der USA stehen, um mit allen ihren Mitteln gegen diese Krise zu kämpfen, weil es doch keine Alternative zum Sieg gibt. Die Amerikaner geben alles, was sie haben, und noch mehr, sie verpfänden ihre Zukunft mit so viel mehr Prozent vom Bruttoinlandsprodukt als zum Beispiel die Deutschen, und werden nicht gelobt, sondern hinter vorgehaltener Hand kritisiert. Dabei ist die Krise nicht nur ihre. Die Europäer haben vorher ganz schön mitverdient. Und mitverdienen wollen. Die Moral ist nicht nur auf ihrer Seite. Die USA zeigen dafür jetzt die richtige.

Obama macht ernst, ernster als je ein Präsident in den vergangenen 60 Jahren. Er macht daheim einen New Deal (Roosevelt), ist bereit zu Partnership in Leadership (Bush der Ältere), setzt auf die Stärkung des europäischen Pfeilers bei der Weltordnung (Kennedy) in jeder Hinsicht. Ja, er verlangt etwas für das, was er aufbauen will. Aber Obama bemüht sich um einen neuen, einen wirklichen Brückenschlag über den Atlantik. Die vergangenen Tage zeigen dagegen, wie sehr die Europäer auf Distanz bleiben. Das verändert die Welt. Nur nicht zum Guten.

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