Meinung : …Amerika

Malte Lehming über führende Umweltschützer in den USA, die gegen den Treibhauseffekt auf Kernenergie setzen

Manchmal will die Überschrift eines Artikels nicht zu dessen Autorenzeile passen. Man reibt sich die Augen, schluckt, kichert nervös – und fängt zu lesen an. Nicholas Kristof ist Kolumnist der liberalen „New York Times“, ein Umweltschützer und Menschenrechtler. Für seine Berichte über die Niederschlagung der Tienanmen-Revolution in Peking erhielt er 1990 den Pulitzerpreis. Ob die Massaker im Sudan, den Aufstieg der religiösen Fundamentalisten oder die hohe Kindersterblichkeit in den USA: Kristof war stets einer der ersten, der mahnte. Er hat in Harvard und Oxford studiert und lässt sich, in einem ganz positiven Sinne, als kluger, linker Moralist beschreiben.

Die Überschrift seines Essays am 9. April aber lautete „Nukes Are Green“, frei übersetzt: Atomenergie ist sauber. Kristof, der als Korrespondent 14 Jahre in Asien gelebt hat, weiß, dass die globale Nachfrage nach Energie in den kommenden 25 Jahren um sechzig Prozent steigt. Chinas Wirtschaft wächst seit Jahren zweistellig. 1,2 Milliarden Menschen wollen einen Staubsauger, einen Fernseher, eine Stereoanlage, vielleicht sogar eine elektrisch betriebene Luftkühlung. Wo soll der Strom herkommen? Durch erneuerbare Energieformen wie Solar, Wind und Wasser lässt sich der Bedarf nicht decken. Kohlekraftwerke wiederum tragen erheblich zur globalen Erderwärmung bei. Bleibt allein die Kernenergie.

Was ist mit dem radioaktiven Müll? Kristof akzeptiert das Problem. Und er schimpft auf die Energiepolitik der Bush- Regierung. Energiesparen müsse gefördert, die Wasserstoff- Energietechnik ausgebaut und Kohlenstoff-Emissionen drastisch besteuert werden. Doch was ist besser, fragt er: Künftige Generationen mit dem Endlagerungsproblem zu belasten oder mit dem Treibhauseffekt, steigenden Meerespegeln, überfluteten Küstenregionen? Seine Antwort ist klar.

Drei Tage später druckte die „New York Times“ eine Flut von Leserbriefen, positive wie negative. Im Internet schwillt die Debatte an. Amerikas Anti-AKW-Gemeinde steht Kopf. Das Thema indes könnte sie spalten. Immer mehr Umweltschützer sind zum Umdenken bereit. Erlebt die Kernenergie eine grüne Renaissance? Zum 35. „Earth Day“, dem nationalen Feiertag der Umweltschutzbewegung, am vergangenen Freitag, druckte der britische „Economist“ eine Titelgeschichte: In Europa seien die Grünen politisch zwar stark, intellektuell jedoch verlören sie an Boden. Die sicherheitstechnisch hoch entwickelte Atomenergie, die keine Treibhausgase freisetze, werde weiterhin dämonisiert.

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