Meinung : …Amerika

Christoph von Marschall

Eines lernen Weiße in den USA früh: Schwarze behandelt man besser vorsichtig. Erst recht schwarze Uniform- oder Würdenträger. Sollte ein Wortwechsel eskalieren, wird schnell der Vorwurf „Rassismus!“ laut. Weiße Politiker hüten sich, pauschale Vorwürfe gegen die Schwarzen oder alle Schwarzen einer Berufsgruppe erheben. Das wäre gefährlich für die Karriere. Umgekehrt gibt es diese Zurückhaltung nicht. Mit der Vokabel Diskriminierung können sich Schwarze in Konflikten einen moralischen Vorteil verschaffen. Es gibt ja auch immer wieder Vorfälle, die den Generalverdacht bestätigen, von prügelnden Polizisten in schwarzen Vierteln bis zu den vielen schwarzen Hurrikanopfern.

Cynthia McKinney, die 1993 erste schwarze Kongressabgeordnete aus Georgia wurde, gilt da als Meisterin. Mit ihrem zornigen Protest gegen die Benachteiligung verleiht sie den „African Americans“ eine politische Stimme. Mehrere Jahre im Kongress haben sie kaum gemäßigt. Ihr Eifer macht auch vor demokratischen Parteifreunden nicht Halt. Vizepräsident Al Gore bescheinigte sie „ein geringes Maß an Toleranz gegenüber Schwarzen“. Die feurige Zunge liege in den Genen, sagt ihr schwarzer Kongresskollege Bennie Thompson. Ihr Vater, Abgeordneter im Regionalparlament von Georgia, beschimpfte weiße Konkurrenten als „rassistische Juden“.

Amerika war also wenig überrascht, als Cynthia McKinney in dieser Woche nur eine Erklärung für ihren Zusammenstoß mit der Polizei im Capitol fand: Rassismus! Abgeordnete dürfen den Kongress ohne Sicherheitskontrolle betreten, sofern sie sich ausweisen oder einen besonderen Sticker tragen. Als sie vor wenigen Tagen eilig an der Schleuse vorbeiging, hielt ein weißer Polizist sie an. Sie schlug ihn daraufhin und stieß ihn weg. Er sagt, er habe sie nicht erkannt, da sie ihre Frisur stark verändert hat und den Sticker nicht trug. Er hätte sie erkennen müssen, beharrte sie – und schob den Pauschalvorwurf nach: Das sei die übliche Diskriminierung Schwarzer durch die weißen Polizisten. McKinney tingelte durch die Fernsehsendungen, um ihre Lesart zu verbreiten, weigerte sich aber, den Vorfall selbst zu schildern. Die Fragen nach Ablauf und Frisur seien reine Ablenkung. Als eine offizielle Untersuchung begann, wurde es der demokratischen Fraktion zu viel. Sie lenke von den Skandalen der Republikaner ab. McKinney sprach Worte, die Amerika noch nie von ihr gehört hat: „Es tut mir Leid. … Ich entschuldige mich.“ Doch niemand glaubt, dass die Zähmung von Dauer ist. Ihre Wiederwahl im November ist noch nicht gesichert.

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