Amerikas neuer Präsident : George W. Obama?

Medien in Amerika und im Ausland wie das "Wall Street Journal" oder der "Economist" ziehen Vergleiche des neuen mit dem alten Präsidenten, die vor 50 Tagen wenige erwartet hätten: nicht, was er anders macht, sondern wo er ihm ähnelt.

Christoph von Marschall

Millionen um die Erde haben Barack Obama am Inaugurationstag zugejubelt, weil sie in ihm die Abkehr von George W. Bush sahen. Keine sieben Wochen ist das her – und zugleich eine Ewigkeit. Die Finanzkrise verschärft sich, und die große politische Wende lässt auf sich warten. Medien in Amerika und im Ausland wie das „Wall Street Journal“ oder der „Economist“ ziehen Vergleiche des neuen mit dem alten Präsidenten, die vor 50 Tagen wenige erwartet hätten: nicht, was er anders macht, sondern wo er ihm ähnelt. Ist Barack ein George W. Obama?

Wer es so sehen will, findet Indizien genug. Die Wirtschaftskrise möchte Obama mit erhöhten Staatsausgaben und niedrigen Zinsen überwinden – wie Bush den Crash nach dem Terrorangriff von 9/11. Bei den juristischen Problemen, die sich aus dem fragwürdigen Umgang mit terrorverdächtigen Gefangenen oder dem Lauschangriff im Inland ergeben, greifen Obamas Leuten zu denselben Verfahrenstricks wie zuvor Bushs Experten. Er behält sich CIA-Operationen in Drittländern auch gegen den Willen der Regierungen dort vor. In Afghanistan hatte Obama versprochen, die neue Strategie gemeinsam mit den Verbündeten zu entwerfen. Die jüngsten Entscheidungen über die Truppenverstärkung oder das Versöhnungsangebot an die Taliban wirken ähnlich unilateral wie Bushs Irakkurs.

In allen diesen Bereichen gibt es Gegenbeispiele. Obama ordnet die Schließung Guantanamos an und stoppt die Militärtribunale. Im Konflikt mit Iran und Moskau um Atomprogramm und Raketenabwehr dreht er Bushs Logik um. Er begründet nicht, warum die USA den Schutzschild so oder so bauen müssen, sondern weist einen Weg, wie es anders ginge. Er ist zu mehr Diplomatie bereit, gegenüber Teheran, den Taliban und anderen islamischen Fundamentalisten. Atomare Abrüstung, Klimaschutz, Energiesparen bekommen eine neue Chance. Sein Budgetentwurf zeigt Beispiele zuhauf, was er anders macht als Bush.

Sieben Wochen belegen: Bei Kerninteressen wie der Sicherheit vor Terror machen Amerikaner keine Kompromisse. In der Krise ist jede Nation sich selbst die nächste. Daneben bleibt genug Raum für die sichtbare Abkehr von Bush. Wie viel George W. in ihm steckt, kann nur Obama beantworten. Er muss es auch.

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