Meinung : Amerikas Reaktion: Sie wollen nicht werden wie die

Malte Lehming

Die Rache sei oft "blind", heißt es, der Rächende gebärde sich, als sei er "außer sich" vor Wut. In diesem archaischen Sinne bleibt der katastrophalste Terroranschlag in der Menschheitsgeschichte ungesühnt. Amerika trauert und zürnt, aber die Regierung ist besonnen, kühl, rational. Das ist eine Sensation. Europa spottet gern über den Vergeltungshunger im Land der Todesstrafe. In der Tat wäre es ein Leichtes für die USA gewesen, gleich nach der Tat mit Langstreckenraketen Afghanistan, oder was davon noch übrig ist, in Schutt und Asche zu legen. Aber nichts dergleichen. Von Überreaktion keine Spur.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Das hat einerseits logistische Gründe: Die mutmaßlichen Hintermänner des Anschlags, der Terrorist Osama bin Laden und die radikal-islamische Taliban-Miliz, haben ihre Stellungen längst geräumt. Ein massiver Gegenschlag hätte aktionistisch gewirkt. Andererseits senden die USA ganz bewusst eine politische, ja eine zivile Botschaft aus: Wir lassen uns die Regeln dieses Kampfes nicht diktieren. Wir bestimmen selbst über den Zeitpunkt und die Art der Reaktion. Wir wollen nicht werden wie die.

Natürlich sollen die Drahtzieher dieser Anschläge bestraft, mögliche Unterstützerstaaten eingeschüchtert werden. Amerika wird zurückschlagen. Nicht morgen und nicht übermorgen, aber wenn, dann hart und konzentriert. Das Ziel indes heißt nicht Rache, sondern Prävention. Der Hydra des internationalen Terrorismus soll nicht ein Haupt abgeschlagen, sie soll erlegt werden. Dieser Kampf wird dauern, vielleicht Jahre. Außerdem wird nie feststehen, wann er eigentlich gewonnen ist. Nie wird die amerikanische Fahne auf dem Territorium des Besiegten gehisst oder eine Kapitulationsurkunde unterzeichnet werden. Da es außerdem unmöglich ist, in alle Unterstützerstaaten des Terrors - es gibt mindestens sieben - einzumarschieren, gibt es garantiert ein paar Schlaumeier, die genau wissen, warum das Unternehmen misslingt. Deren Einflüsterungen muss ebenso widerstanden werden wie der allgemeinen Skepsis, die mit jedem Tag, der vergeht, größer wird.

Die schärfste Waffe des Terrors ist die Angst. Von ihr sind Europäer und Amerikaner gleichermaßen betroffen. Als 1983 bei einem Selbstmordattentat in Beirut 241 US-Soldaten ums Leben kamen, zog wenig später die gesamte amerikanische Armee ab. Geduld und Standhaftigkeit sind Tugenden, die in Demokratien immer wieder neu gelernt werden müssen. In diesen Stunden scheint der Rückhalt noch groß, das Bündnis geeint. Aber das wird nicht so bleiben. Denn Washington steckt in einem Dilemma. Wenn der Gegenschlag fair und effizient sein soll, müssen die Täter eindeutig identifiziert und die Aktion sorgfältig vorbereitet werden. Beides dauert lange. Je mehr Zeit vergeht, desto brüchiger jedoch wird das Bündnis. Und je brüchiger das Bündnis wird, desto weniger effizient kann der Gegenschlag sein. Wer also beides will, eine faire und effiziente Reaktion, muss unbeirrt Kurs halten.

Amerika hält Kurs. Schließlich wird der Kampf gegen den Terror von denselben Strategen geplant wie der Krieg gegen Saddam Hussein vor zehn Jahren. Damals dauerte die Vorbereitung sechs Monate. Entsprechend überwältigend war das Ergebnis. Auch diesmal hat Rationalität über Angst triumphiert, Ausdauer über Ungeduld. Das Ziel, eine übertriebene Reaktion zu provozieren, haben die Terroristen verfehlt. Das sollte Europa ermutigen. Auch hier wird man Kurs halten und standhaft bleiben müssen. Der Terror hat das westliche Bündnis vor die schwierigste Bewährungsprobe seit dem Ende des Kalten Krieges gestellt. Wer jetzt schwach wird, verliert.

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