Amok und Medien : Zeit für Öffentlichkeit

Der Amoklauf in Winnenden ist auch ein Beispiel dafür, welche mediale Dynamik solche Ereignisse mittlerweile entfalten. Durch das Internet werden Neuigkeiten sekundenschnell für die ganze Welt verfügbar. Doch wie verlässlich sind solche Quellen?

 Christian Tretbar

Wer bremst, verliert. Nicht nur ein Spruch für Geschwindigkeitsfanatiker, sondern auch ein Synonym unserer Zeit. Vor allem unserer Zeit. Denn der Amoklauf in Winnenden ist nicht nur eine Tragödie für die Bewohner der Stadt, sondern auch ein Beispiel dafür, welche mediale Dynamik solche Ereignisse mittlerweile entfalten. Beinahe im Minutentakt gibt es neue Informationen. Heerscharen von Journalisten belagern den Ort. Und sie alle haben sich einem Wettbewerb unterworfen: dem um die schnellste Information. Durch das Internet ist es möglich, Neuigkeiten sekundenschnell für die ganze Welt verfügbar zu machen. Und jeder will präsent sein auf diesem Markt. Es sind Hochgeschwindigkeitsphasen des Journalismus.

Das wirft Fragen auf. Wie gesichert sind die Informationen, woher kommen sie, wie verlässlich sind die Quellen? Das Internet ist zunächst einmal nichts anderes als eine technische Möglichkeit, Informationen zu verbreiten, schnell und in Echtzeit. Auch die Livereportage von einem Ereignis folgt diesem Muster. Aber das Netz erhöht die Drehzahl und verführt so dazu, diese – journalistischen – Fragen auszuklammern.

Dabei zeigt gerade eine Spielart des Internets, wie man mit Schnelligkeit umgehen kann: Twitter. Menschen schicken Kurznachrichten vom Handy oder Computer an diesen Online-Dienst, die Benutzer können die Nachricht sofort lesen. So entsteht im Sekundentakt Kommunikation, ein Berg an Informationen und, ja, noch mehr Geschwindigkeit. Auch ist fraglich, wie valide die Informationen sind. Nur waren die Twitterer im Fall Winnenden schneller skeptisch, ob die Amok-Ankündigung von Tim K. im Netz wirklich echt ist. Sie haben Fragen gestellt, weil sie geübter sind, Erfahrungen haben im Umgang mit ihrem Medium. Die Berichterstattung in Zeitungen, Fernsehen, aber auch Nachrichtenportalen im Netz lässt den Schluss zu, dass Journalisten erst skeptisch wurden, als sie darauf gestoßen wurden.

Das macht die Twitterer keinesfalls zu (besseren) Journalisten, aber es verdeutlicht: Nicht die Geschwindigkeit ist das Problem, sondern der korrekte Umgang mit ihr. Ein Auto ist nur so schnell, wie der Fahrer es will. Auf einer Landstraße zu rasen, ist gefährlich, genauso, wie es auf einer Autobahn töricht ist zu kriechen. Regeln in diesem Verkehr können sich Medien selbst auferlegen, sie haben nämlich gute. Gründlichkeit, das Zusammenspiel von Nähe und Distanz, Zweifel, Mut zum Nachfragen, Neugier sind durch das Netz nicht obsolet geworden.

Geschwindigkeit ist in so einem Prozess aber nicht nur für Journalisten Chance und Problem zugleich. Dass Staatsanwälte, Polizisten und sogar Innenminister Ermittlungsergebnisse bekannt geben, die sie selbst noch gar nicht geprüft haben, ist auch ein Produkt der Raserei. Beschleunigung verursacht Druck, und der überträgt sich. Aber jeder hat auch das Recht zu widerstehen. Von einigen kann man es in Situationen wie diesen sogar verlangen – von der Politik. Im Wahlkampf gilt Schnelligkeit, man wird es sehen in diesem Jahr. Nicht aber beim Versuch, eine Katastrophe zu erklären.

Wie also mit Geschwindigkeit umgehen? Eine Frage, die sich Menschen von jeher stellen. Man kann sie genießen, sie kann aber auch zur Sucht werden, zum Rausch. Journalisten müssen Schnelligkeit für sich neu definieren. Schnell heißt nicht sofort, sondern sobald: sobald nachgefragt ist. Sobald eine Information geprüft, eine Quelle sicher und verlässlich ist. Dann ist Zeit für Öffentlichkeit.

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