Amoklauf : Selbstmord als Attentat

Ob Attentat oder Amok – beiden Selbstmord-Typen ist der Kampf wichtiger als das eigene Leben. Und jeder Amokläufer signalisiert: Es gibt Menschen, die sich nicht helfen lassen wollen und auf Terror setzen. Die Sinnlosigkeit ist das, was uns am meisten schockiert.

Kai Müller

Was treibt einen 17-Jährigen dazu, die Beretta-Pistole des Vaters zu nehmen, mehr als 200 Schuss Munition einzupacken und in Kampfmontur zu der Schule zu gehen, an der er im letzten Sommer seinen Abschluss gemacht hat? Er will abrechnen. Aber mit wem? Er will ein Zeichen setzen. Aber wer soll es lesen? Offenbar litt der Amokläufer von Winnenden unter Depressionen. Aber erklärt das die menschenverachtende Kaltblütigkeit seiner Tat? Wie kann sich ein junger Mann in einen Menschenjäger und Massenmörder verwandeln?

Von jeher versetzen Amokläufe die Gesellschaft in helle Aufregung. Dass sie äußerst selten passieren, mildert die Ohnmacht nicht. Die Taten in Erfurt, Emsdetten und nun in Winnenden mit jeweils über einem Dutzend Opfern treffen ins Mark des sozialen Gefüges, gegen das sie sich richten. Amokläufer sind die Selbstmordattentäter unserer postheroischen Gesellschaft. Statt sich mit Sprengstoff an belebten öffentlichen Orten wie Bushaltestellen und Marktplätzen in die Luft zu jagen, gehen jugendliche Amokläufer auf einen Beutezug. Den Schlusspunkt bei dieser traumatischen Verabschiedung aus der Welt unter Mitnahme möglichst vieler setzt der eigene Tod.

Ob Attentat oder Amok – beiden Selbstmord-Typen ist der Kampf wichtiger als das eigene Leben. Zwar handeln islamistische Terrorkommandos stets im Auftrag anderer und sie glauben sich durch einen heiligen Zweck legitimiert. Doch mangelt es auch Amokschützen nicht an Inbrunst, sich als Märtyrer zu sehen. Ihre Taten planen sie lange im Voraus. Indem Tim K. seine ehemalige Schule in einen Kriegsschauplatz verwandelte, trug er Gewalt in jene zivile Struktur hinein, die zur Gewaltlosigkeit erziehen will. Und er traf die Gesellschaft an einer ihrer verletzlichsten Stellen. Nämlich dort, wie sie Kinder und Jugendliche darauf vorbereitet, einen Platz in ihr zu finden.

Für viele Heranwachsende ist die Schule ein frustrierender Ort. Und zwar nicht nur, weil ihnen Zuwendung fehlt und sie gemobbt werden. In der Schule treffen das noch ungefestigte Bedürfnis von Jugendlichen nach Anerkennung und der Leistungszwang aufeinander. Bedeutung wird durch Noten evaluiert und dadurch, wie viele Freunde ein Schüler hat. Mechanismen der Konkurrenz produzieren auch in einem aufgeschlossenen pädagogischen Klima ihre Opfer. Vielleicht machte auch Tim K. hier zum ersten Mal die Erfahrung, dass er nicht der ist, der er gerne sein möchte. Eine Erfahrung, die auf die Gesellschaft vorverweist. Wer zum Schulversager wird, kann leicht glauben, dass es ihm für den Rest seines Lebens ebenso ergehen wird.

Amokläufe sind Attentate auf das soziale Vertrauen. Die destabilisierende Wirkung solcher Zerstörungsakte mag gering ausfallen. Doch fühlt sich eine Gesellschaft tief getroffen, die moralisch immer flexibler und weniger autoritär wird. Wir sind davon überzeugt, dass jeder seinen Platz finden kann – es kommt nur darauf an, den Frustrierten und Gescheiterten zu helfen. Doch jeder Amokläufer signalisiert: Es gibt Menschen, die sich nicht helfen lassen wollen und auf Terror setzen. Dessen Sinnlosigkeit ist das, was uns am meisten schockiert. So leiht sich das verzweifelte, zersplitterte Ich des Amokläufers seine Identität von jenen, die nach seinem Tod seine Unerbittlichkeit feiern. Das Geschenk der Gesellschaft an solche Leute ist, dass sie als böse, heroische Gestalten weiterleben.

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