Meinung : An der Schmerzgrenze

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Den Bundeskanzler in solcher Eintracht neben Muammar al Gaddafi sitzen zu sehen, hinterlässt schließlich doch gemischte Gefühle. Gaddafi ist ein Mörder, so wie auch ein Alkoholiker bis an sein Lebensende ein Alkoholiker ist. Mit viel Anstrengung bleibt er trocken. Gerhard Schröder hat für diesen Besuch gute Gründe, wirtschaftliche und auch strategische, und warum sollten ihn moralische abhalten, wenn vor ihm schon Blair in diesem Zelt saß und Chirac mit Gaddafi telefoniert. Realpolitik ist nichts für Sensible. Auch in Deutschland wird ein Mörder schließlich irgendwann aus der Haft entlassen – auch wenn die Einladung an Gaddafi, Deutschland zu besuchen, kaum mehr unter Resozialisierungsmaßnahme zu verbuchen ist. Hier wird ein Diktator hofiert, der noch einiges tun muss (und es angesichts seiner Vergangenheit vermutlich nie schaffen wird), um Teil der vielbeschworenen internationalen Staatengemeinschaft zu werden. Gegen Gaddafis Sprachregelung eines „Freundschaftsbesuchs“ sollte sich die Bundesregierung also verwahren. Umgekehrt wird aber eines deutlich: Wie dankbar der Westen solche Annäherungsversuche aufnimmt, wie leicht es für einen Schurkenstaat sein kann, dieses Präfix vergessen zu machen. Deutlich wird aber auch, wie wirksam offenbar UNSanktionen sein können – wie jene, unter denen Libyen seit 1992 zu leiden hatte. Denn: Dass Gaddafi ein moralisches Erweckungserlebnis gehabt hat, darauf sollte kein Realpolitiker setzen.mos

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